Gaucks Rolle : Wie Napolitano

Da will wohl einer zeigen, dass es ihn noch gibt, aus gegebenem Anlass. Bundespräsident Joachim Gauck will sich in Einzelgesprächen mit den Spitzen aller im Bundestag vertretenen Parteien über die Lage unterhalten – aber ist das nötig? Nur eine Woche nach der Wahl wirkt das schon sehr ungewöhnlich, zumal beim gegenwärtigen Gang der Dinge, der nicht wirklich nach einem Eingreifen seinerseits ruft. Wenn es sich zwischen den Parteien, die eine Koalition bilden können, schon verhakt hätte, dann wäre es ja verständlich und womöglich auch geraten. Aber hier droht bisher kein Staatsnotstand, hier beginnen bloß die üblichen Abtastereien, wer wie viel zu geben bereit ist und welche Reaktionen das im eigenen Lager hervorrufen könnte. Kein Grund zur Aufregung also. Allerdings kann man diesen Eindruck erwecken, und dann wäre es natürlich gut, einen deutschen Napolitano zu haben, einen wie den italienischen Präsidenten, der die Geschicke des schlingenden Landes kraft seiner Autorität mindestens mitbestimmt. Giorgio Napolitano als Ideal, sicher auch für Gauck. Zumal der gerade in einer neuen Biografie im renommierten Suhrkamp-Verlag wenig schmeichelhaft wegkommt als Schürzenjäger und DDR-Privilegierter einerseits und als Präsident mit Ermüdungserscheinungen andererseits. cas

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