Meinung : „Gaza braucht nicht noch mehr Waffen“

Andrea Nüsse

Seit vier Wochen nichts, kein Lebenszeichen, keine Forderungen der Entführer. Am 12. März wurde der BBC-Korrespondent Alan Johnston von maskierten Männern in Gaza-Stadt aus seinem Wagen gezerrt und verschleppt, seitdem fehlt von ihm jede Spur. Allen Solidaritätsbekundungen weltweit zum Trotz, bleibt der 44-Jährige verschwunden. Offenbar tappen auch die palästinensische Regierung und Präsident Mahmud Abbas im Dunkeln über die Entführer. Am Sonntag nahm der rätselhafte Fall eine dramatische Wende: Eine bislang unbekannte palästinensische Gruppierung erklärte in einer E-Mail, sie habe Johnston getötet. Damit wollten sie der Forderung nach Freilassung palästinensischer Gefangener in Israel Nachdruck verleihen, erklärten die „Brigaden von Tawhid und Dschihad“. Eine Bestätigung der Ermordung Johnstons gibt es jedoch nicht.

Der BBC-Mann ist nicht das erste Opfer von Entführungen im Gazastreifen. Seit 2006 wurden Dutzende ausländische Korrespondenten und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen in Gaza entführt, meist aber nach 48 Stunden wieder freigelassen. Zwei Mitarbeiter von Fox News wurden im Sommer 2006 zwei Wochen lang festgehalten. In der Regel waren Rivalitäten zwischen Clans oder interne Forderungen nach Jobs oder Bezahlung an die Adresse der Autonomiebehörde der Hintergrund.

Das Phänomen der Entführungen ist relativ neu im Gazastreifen und steht in direktem Zusammenhang mit dem Zusammenbruch staatlicher Sicherheitsdienste. Seit dem Wahlsieg der Hamas-Regierung im Januar 2006 hat der internationale Finanzboykott der Autonomiebehörde zum wirtschaftlichen Kollaps im Gazastreifen geführt. Seither werden Angestellte, darunter auch Sicherheitskräfte, kaum oder überhaupt nicht bezahlt. Zudem ist die bisher unterschwellige Rivalität zwischen Hamas und Fatah offen ausgebrochen und hat zur Schaffung neuer Milizen und zu Straßenkämpfen geführt. Diese Rechtlosigkeit, auf die Johnston selbst noch vor wenigen Wochen in einem seiner letzten Berichte aufmerksam hatte, konnte bislang auch die Regierung der Nationalen Einheit nicht beenden.

Wie seine BBC-Kollegen haben auch seine Eltern trotz der angeblichen Todesnachricht die Hoffnung nicht aufgegeben. „Unser Sohn hat drei Jahre unter den Menschen in Gaza gelebt, um ihre Geschichte der Welt zu erzählen – wir bitten jeden einzelnen von ihnen zu helfen, sein Leid zu beenden“, erklärten sie am Montag.

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