Gazakrieg : Zwischen den Fronten

Seit elf Tagen führt Israel Krieg im Gazastreifen, immer mehr Menschen sterben. Wie es weitergehen kann, wenn die Waffen wieder schweigen, weiß niemand. Nur eines ist gewiss: Die Politik der Isolierung von Hamas hat in eine humanitäre Katastrophe geführt.

Martin Gehlen

Seit elf Tagen führt Israel Krieg gegen die Hamas im Gazastreifen. Immer mehr Menschen sterben, in den Notaufnahmen der Hospitäler liegen die verstümmelten Opfer – mittlerweile fast die Hälfte Frauen und Kinder. Einen „sauberen Krieg“ gibt es nicht, auch keine „chirurgischen Luftschläge“, wie israelische Militärvideos weismachen wollen. In einer der am dichtesten bevölkerten Region der Welt kommen durch fast jede Rakete oder Panzergranate unweigerlich unbeteiligte Zivilisten um – in der vorvergangenen Nacht Dutzende Frauen und Kinder, die in einer UN-Schule Schutz gesucht haben. Auch die gesamte öffentliche Infrastruktur in Gaza wird systematisch zerstört – Moscheen, Tanklager, Krankenhäuser, Regierungsgebäude, sogar eine Universität. Zwischen den Fronten stehen 1,5 Millionen Menschen, die nirgendwohin fliehen können.

Seit Jahren sind sie – auf Druck Israels und der USA und mit Billigung Europas – in dem übervölkerten und verarmten Küstenstreifen weggeschlossen. Ihnen fehlt es inzwischen an allem, an Lebensmitteln, Strom, Medikamenten, Wasser – und an Hoffnung. Und ihre 360 Quadratkilometer kleine Heimat verkommt immer mehr zu einem politischen und ökonomischen Niemandsland, in dem radikale Islamisten das Sagen haben.

Noch dominieren die aufwühlenden Bilder, noch gibt es keinen Waffenstillstand, doch das politische Tauziehen um die langfristige Verantwortung für diesen verwüsteten Küstenstreifen hat längst begonnen. Die Führung der Fatah in der Westbank hat die Hoffnung aufgegeben, dass sich mit der Hamasführung noch eine gemeinsame strategische Linie im Blick auf einen eigenen Palästinenserstaat finden lässt. Eine Versöhnung zwischen beiden Seiten oder gar eine Rückkehr von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas in den Gazastreifen gehört nur noch in die Kategorie politischer Träume. Auch die meisten arabischen Regime wünschen eine Niederlage und Isolierung der Hamas, die sie neben der Hisbollah als einen weiteren Vorposten des Irans in ihrer Region ansehen.

Am stärksten unter Druck steht mittlerweile Ägypten, das den Gazastreifen bis zum Sechstagekrieg 1967 unter seiner Herrschaft hatte. Die Demonstrationen in arabischen Städten, aber auch im Land selbst häufen sich. Viele Menschen der Region nennen Israel und Ägypten inzwischen in einem Atemzug und machen den ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak für das Leiden der palästinensischen Zivilbevölkerung mitverantwortlich. Schon während der seit Mitte 2007 verhängten israelischen Blockade, besonders aber seit Beginn des Krieges weigert sich Kairo, an seinem Grenzübergang in Rafah auch nur einen Sack Mehl oder ein Zelt für ausgebombte Familien durchzulassen. Lediglich Medikamente dürfen die Grenze passieren, kein einziger Arzt darf rüber, obwohl inzwischen mehr als hundert am Tor warten. Der ägyptische Staatschef scheint entschlossen, dem Druck seiner arabischen Kritiker standzuhalten und den politischen Imageschaden für sein Land in Kauf zu nehmen. Denn er fürchtet, sehr bald ganz auf dem ungeliebten Landstrich sitzen zu bleiben, sollte er jetzt und in Zukunft die Versorgung der 1,5 Millionen Palästinenser offiziell garantieren.

Wie es weitergehen kann, wenn die Waffen wieder schweigen, weiß bislang niemand. Ein Ausweg könnte eine arabisch-türkische Schutztruppe sein, die im Gazastreifen dafür sorgt, dass der Raketenbeschuss auf Israel aufhört und dass die zivile Freizügigkeit für seine Bevölkerung künftig international garantiert wird. Doch bislang sind weder Ankara noch irgendeine arabische Hauptstadt bereit, sich für eine solche Initiative stark zu machen.

Ähnlich agiert die Europäische Union. Ihr Vormann Nicolas Sarkozy tourt zwar in der Region herum, mit Soldaten aus der EU aber möchte auch Brüssel nicht in den unlösbar erscheinenden Dauerkonflikt verwickelt werden. Nur eines ist gewiss: Die Politik der Isolierung von Hamas ist gescheitert. Diese hat keines der Probleme einer Lösung nähergebracht. Sie hat alle Beteiligten immer tiefer in die Sackgasse und die betroffenen Menschen in eine humanitäre Katastrophe geführt.

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