Meinung : Geächteter Untertan

Dem Ex-DDR-Bürger ist Schiller näher als einem Westler

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Von Günter Kunert Haben Junge und Alte, Einheimische und Zugewanderte die gleichen Grundwerte? In einer Serie von Tagesspiegel und DeutschlandRadio Kultur diskutieren prominente Autorinnen und Autoren Vorbilder, Werte und Toleranz. Der nachfolgende Beitrag ist der letzte unserer Serie und am Sonntag um 12 Uhr 40 auf UKW 89,6 nachzuhören.

Was für eine naive Forderung Schillers durch den Mund seiner Figur Marquis Posa! Als ob Machthaber jemals aus freien Stücken erlaubt hätten, dass ihre Untertanen sich selbstständig Gedanken über die Notwendigkeit von Unterdrückung und Untertanentum machen dürften. Aber Schiller, wie überhaupt dieAufklärung, glaubte noch an die Macht der Vernunft, deren letzter ideologischer Widerhall noch bei Brecht zu hören ist, wo er von der Widerstandskraft der Vernunft spricht, eine Illusion, die er wohl später, zu spät, als solche erkannt haben mag.

Schillers Schicksal des Geächteten, des Landflüchtigen, des zeitweilig Illegalen war keine kurze Episode des 18. Jahrhunderts. Die deutsche Geschichte quillt über von verfolgten Schriftstellern, wobei das „Volk der Dichter und Denker“ sich herzlich wenig um seine bedeutenden Repräsentanten scherte. Der in Deutschland spukende Geist war stets der Untertanengeist. Schillers Glaube an die Verbesserung des Menschengeschlechts war ein schöner Traum; der deutsche Bürger war kein Citoyen. Selbst die Klassiker blieben nicht von Tyrannei und Zensur verschont. Jede autoritäre Herrschaft in Deutschland bediente sich der kanonischen Texte nach Belieben und zog propagandistisch Nützliches aus den Werken der wehrlosen Erblasser. Was nicht in den Kram des jeweiligen Systems passte, wurde eliminiert.

Eines der letzen und bezeichnenden Beispiele war die Aufführung des „Wilhelm Tell“ im Ost-Berliner Deutschen Theater. Walter Ulbricht, der Zwergdiktator, war bei der Premiere anwesend und anschließend empört über Schillers Respektlosigkeit und Bedrohlichkeit. Wahrscheinlich erkannte sich der „Staatsratsvorsitzende der DDR“ als Geßler persönlich. Folge: „Tell“ durfte nie wieder auf die Bühne. Und der Regisseur und zugleich Intendant des Deutschen Theaters, Wolfgang Langhoff, musste sich zu einer öffentlichen Selbstkritik erniedrigen. Da stand der Mann, der im KZ gesessen und das „Moorsoldaten-Lied“ geschrieben hatte, vor dem sowjetischen Geßler und brach sich selber das Rückgrat.

Jedermann, so er gewillt war, erkannte die feudale Struktur eines unzeitgemäßen Systems. In zahllosen Reden hatte die SED von ihren Schriftstellern „Leidenschaft“ gefordert und ihre Bereitschaft zur Diskussion, zum „Streitgespräch“ bekundet, doch wehe dem, der wirklichen Widerspruch gewagt hätte. Entweder wäre es ihm wie Schubart gegangen, den sein Fürst auf den Hohenasperg einsperren ließ, oder er hätte, wie unser Friedrich, den jahrhundertealten Staub von den Schuhen schütteln und seine Heimat verlassen müssen – was auch mache taten.

Insofern ist uns, die wir ja die DDR aus genauer Anschauung kannten, Schiller näher als einem Altbundesbürger, den Probleme der literarischen oder politischen Freiheit wenig kümmerten. „Bei uns“, muss ich sagen, lagen die Analogien auf der Hand.

Inwieweit es gegenwärtig um unsere ziemlich fragile Freiheit bestellt ist, lässt sich nicht auf einen Nenner bringen. Krasse Konfrontationen sind nicht aktuell, Gedankenfreiheit muss keiner fordern, weil man sich meist sowieso keine Gedanken macht. Und die schleichende Einschränkung von Freiheiten wird bisher achselzuckend hingenommen. Wurde gestern noch gegen den Status als „gläserner Bürger“ polemisiert, so sind wir mittlerweile derart gläsern geworden, dass es schon mehr als bedenklich ist. Vielleicht kommt eines Tages der Augenblick, da wir bei einem zuständigen Amt schriftlich um Gedankenfreiheit bitten, und wir eine kleine Zuteilung (oder auch gar keine) erhalten, weil wir als Ruhestörer längst in den Computern residieren. Wir kennen die Zukunft nicht, aber wir kennen unsere Vergangenheit, und das gibt zu genügend Befürchtungen Anlass.

Der Autor ist Schriftsteller und Lyriker.

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