Meinung : Geburtsfehler und Sündenfall

Warum das weltweite Klonverbot zunächst scheitern musste / Von Alexander S. Kekulé

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WAS WISSEN SCHAFFT

Brigitte Zypries und Kerstin Müller bekamen dieser Tage harte Kritik aus den eigenen Reihen zu hören. Die Justizministerin (SPD) hatte in ihrer „Humboldt-Rede“ Embryos im Frühstadium die Menschenwürde abgesprochen, die grüne Staatssekretärin im Auswärtigen Amt sich für die Vertagung des Klonverbotes bei den Vereinten Nationen eingesetzt. Beide stellten sich damit scheinbar gegen die Mehrheit des Bundestages. Trotzdem haben sie richtig gehandelt.

Zypries zielt genau auf die Stelle, an der die Bioethik-Diskussion seit Jahren festgefahren ist. Sie will den Schutz des frühen Embryos nicht mit der in Artikel 1, Grundgesetz verankerten Menschenwürde begründen, sondern mit dem Recht auf Leben nach Artikel 2. Im Gegensatz zur unantastbaren Menschenwürde kann das Recht auf Leben gegen andere Grundrechte abgewogen werden, wie es etwa bei der Regelung des Schwangerschaftsabbruchs geschehen ist. Zum Beispiel der Kinderwunsch unfruchtbarer Paare, der Anspruch Schwerkranker auf neue Heilmethoden oder die Forschungsfreiheit.

Dazu ist es allerdings nicht notwendig, dem frühen Embryo gleich die Menschenwürde abzusprechen – da ist Zypries zu weit gegangen. Die Frage ist vielmehr, wodurch die Menschenwürde in welcher Situation bedroht wird. Einem Hirntoten Organe zu entnehmen, muss nicht seine Würde verletzen. Auch die Tötung früher Embryos verletzt nach deutschem Empfinden offenbar nicht automatisch die Menschenwürde, sonst müssten Abtreibung, die „Pille danach“, In-vitro-Fertilisation und die Spirale verboten werden. Die Menschenwürde ist weder an den Körper noch an Beginn und Ende des individuellen Lebens gebunden. Sie ist eine Eigenschaft der menschlichen Art. Andererseits kann sie gerade deshalb auch vor der Zeugung oder nach dem Tod verletzt werden: etwa durch Manipulation des Erbguts oder durch Grabschändung.

Auf die Frage, was die Menschenwürde verletzt, hat jede Nation, jede Kultur, jede Religion andere Antworten. Deshalb ist der Begriff für die globale Bioethik-Debatte wenig brauchbar. Der Bundestag und das US-Parlament sehen das jedoch anders. Sie wollen das reproduktive und das therapeutische Klonen weltweit verbieten, beides verstoße gegen die Menschenwürde. Das ursprünglich vorgeschlagene Verbot hatte nur dem reproduktiven Klonen gegolten. Mit der Ausweitung auf das therapeutische Klonen war die deutschfranzösische Initiative seit langem zum Scheitern verurteilt. Warum ein stecknadelkopfgroßer, nicht lebensfähiger Haufen Embryozellen im Reagenzglas unantastbar sein soll, während viel weiter entwickelte Embryos im Mutterleib hunderttausendfach umkommen dürfen, ist schon in der christlich-abendländischen Kultur nicht erklärbar. Bei den 147 Mitgliedsstaaten der UN ist ein ethischer Konsens auf dieser Grundlage ausgeschlossen.

Deshalb hatten die Bundesregierung und Kerstin Müller Recht, auf Zeit zu spielen. Die Initiative des grünen Außenministers ist damit nicht gescheitert, sie bekommt 2005 eine zweite Chance. Um die zu nutzen, ist allerdings eine entscheidende Kurskorrektur nötig: Das gewünschte weltweite Verbot muss auf diejenigen Gen-Eingriffe beschränkt werden, bei denen lebensfähige manipulierte Menschen erzeugt werden. Weiter ist der gemeinsame bioethische Nenner der Vereinten Nationen nicht zu fassen.

Wenn einer Gesellschaft auch das therapeutische Klonen und die Forschung an embryonalen Stammzellen, bei der nur Gewebe gezüchtet wird, zu weit gehen, können sie auf nationaler Ebene verboten werden. Global verboten werden müssten neben dem reproduktiven Klonen konsequenterweise auch so genannte „Keimbahneingriffe“, weil auch da Genmanipulationen an nachfolgende Generationen vererbt werden. Der Sündenfall der Gentechnik ist nicht die Manipulation menschlicher Zellen im Labor, sondern wäre die Erzeugung manipulierter Menschen. Denn dadurch wird letztlich die menschliche Art gefährdet.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Universität Halle-Wittenberg. Foto: Jacqueline Peyer

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