Meinung : Gedenken und Freiheit

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Weit in eine hohle Gasse hat sich der Bundespräsident da vorgewagt. Den „ganzen“ Schiller fordert Horst Köhler zum Schillerjahr. Die Zeit sei vorüber, klassische Theatertexte „zu entstauben und zu problematisieren“. Wenn die deutschen Bühnen so weitermachten, sei dies ein „Ausweis einer neuen arroganten Spießigkeit“. Vielen Theaterfreunden spricht Köhler damit aus der Seele: Sie sehnen sich nach einem „Faust“, wie Peter Stein ihn zelebrierte, sie füllen Claus Peymanns Berliner Ensemble, wo der Bundespräsident von der deutschen Kulturnation und der Größe seines schwäbischen Landsmannes sprach. Doch diese Debatte ist wenigstens 250 Jahre alt. War es nicht jener Schiller, der mit seinen „Räubern“ einen gewaltigen Skandal auslöste, mit unerhörter Sprache und dramatischen Bomben, dass die Duodezfürsten in ihren höfischen Theaterchen erzitterten? Schillerfeiern – die rituellen Missverständnisse begannen schon zu Lebzeiten des Dichters – gehören zu den bizarrsten Usancen deutschen Geistes. Die Klassik aber hat es nie gegeben, jedenfalls nicht als Unumstößlichkeit, als in Kunstharz verfestigtes, singuläres Prachtstück. Dies zu akzeptieren und zu ertragen, damit tut sich jede Generation aufs Neue schwer. Es stimmt: Die Theater haben andere Sorgen (und Ideen), als die Tradition zu hegen. Diese ungeheure Freiheit, ästhetisch und politisch, hat hierzulande zuerst einer durchgekämpft – Schiller. Sire, geben Sie Gedenkenfreiheit! R. S.

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