Gedenkgottesdienste : Klein gedacht

Am Sonntag vor dem 70. Jahrestag des Beginns des 2. Weltkriegs halten die Kirchen getrennte Gedenkgottesdienste ab. Das wirkt befremdlich.

Gerd Appenzeller

Es wirkt befremdlich, wenn am Sonntag katholische und evangelische Christen Berlins zur gleichen Stunde in getrennten Gottesdiensten, wenige hundert Meter voneinander entfernt, des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges vor 70 Jahren gedenken. Dass die beiden großen Kirchen am 1. September selbst, dem genauen Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen, im polnischen Jawor zum gemeinsamen Gottesdienst einladen, zerstreut die Sorge nicht, hier würde Distanz statt Gemeinsamkeit demonstriert. Natürlich ist Polen ein katholisches Land, und die Kontakte zwischen der deutschen und der polnischen katholischen Bischofskonferenz tragen bis in diese Tage ganz wesentlich zur Versöhnung zwischen den Völkern bei. Aber auch nur indirekt so zu tun, als hätten sich die deutschen Protestanten nicht ebenfalls der historischen Verantwortung gestellt, ist übel. Nun wird zudem der Eindruck entstehen, für evangelische und katholische Opfer des Krieges müsste in zwei verschiedenen Kirchen gebetet werden. Mag sein, dass das Fehlen eines staatlichen Gedenkens am 1. September zur Verwirrung beigetragen hat. Das Ergebnis jedenfalls ist im Verhältnis zur Größe des Leides von eher kleinem Denken geprägt.

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