Meinung : Gefährliche Lektion

Gabriele Venzky

Sie sprechen vom Frieden, aber sie rüsten für den Krieg. Schlimmer noch: Offenbar wollen Indien und Pakistan das heute in Kathmandu beginnende südasiatische Gipfeltreffen nicht dazu nutzen, die gefährliche Krise auf dem Subkontinent zu entspannen. Indiens Premier Vajpayee hat ein vom pakistanischen Präsidenten Musharraf angeregtes Gespräch ausgeschlossenen, solange der grenzüberschreitende Terror nicht beendet sei. Dass der pakistanische General in den letzten Tagen so hart wie noch kein Regierungschef vor ihm gegen fundamentalistische Terrororganisationen in seinem Land vorgegangen ist, stellt Indien nicht zufrieden. Die hindu-chauvinistischen Elemente in Delhi glauben offenbar an eine einmalige Gelegenheit, dem Rivalen Pakistan eine "endgültige Lektion" zu erteilen.

So liefen am Tag vor Beginn des SAARC-Gipfels abermals die diplomatischen Kanäle in aller Welt heiß. Es galt, Indien daran zu erinnern, dass ein Land, das Großmachtambitionen hat und atomar gerüstet ist, nicht den althergebrachten großen Knüppel schwingen kann. Aber Indien blieb doppelzüngig. Man werde jede Anstrengung unternehmen, einen Krieg zu verhindern, sagte der indische Premier, fügte jedoch hinzu, Indien werde sich "alle Optionen" vorbehalten. Eine nervöse Nachfrage aus Washington - Anrufe von Präsident Bush in Islamabad und Delhi gehören inzwischen zur täglichen Routine -, führte dann zu der Einschränkung: Alle Optionen bedeuteten nicht den Einsatz von Atomwaffen.

In einer Situation, in der Indien die unter zivilisierten Staaten üblichen Mittel zur Krisenentschärfung verweigert, sind Vermittlungen von außen notwendiger denn je. So wollen sich die übrigen SAARC-Staaten Bhutan, Nepal, Bangladesh, Sri Lanka und die Malediven einschalten. Doch die Zwerge im südasiatischen Staatenbund sind noch nie von dem so viel größeren Pakistan und dem übermächtigen Indien gehört worden. Größeren Erfolg könnten die Bemühungen des britischen Premiers Tony Blair haben. Aber der ehemaligen Kolonialmacht wird immer noch so viel unverdautes Misstrauen entgegengebracht, dass eine Blair-Mission nur für eine temporäre Abkühlung sorgen könnte. Die meisten Beobachter sind deshalb der Meinung, dass es nur dann einen Durchbruch geben kann, wenn die USA ihr ganzes Gewicht zur Entschärfung des über 50 Jahre andauernden Konflikts einbringen.

Das Engagement Washingtons in Afghanistan wäre umsonst gewesen, wenn nun ein Krieg zwischen Indien und Pakistan ein viel größeres Chaos in Südasien heraufbeschwört. Was amerikanischer Druck vermag, hat die erstaunliche Kehrtwendung des Generals Musharraf gezeigt. Er hat nicht nur Pakistans Ziehkind, die Taliban, fallen gelassen und die Inthronisierung der von Indien unterstützen Nordallianz in Kabul hingenommen, er hat auch die Anführer der in Kaschmir operierenden Militanten sowie weitere 100 Fundamentalistenführer festnehmen lassen und die Abteilung des militärischen Geheimdienstes ISI geschlossen, welche bisher die in Kaschmir operierenden Terrorgruppen dirigiert hat. Für pakistanische Verhältnisse sind das ungeheure Schritte. Der General muss sehr vorsichtig vorgehen, wenn er nicht von den Fundamentalisten gestürzt werden will. Doch Delhi qualifiziert Musharraf nur als "unehrlich" ab.

Pakistan ist bereits so talibanisiert, dass selbst der Militärdiktator die zwei Dutzend militanten Organisationen kaum noch unter Kontrolle hat, die auch in Kaschmir ihr Unwesen treiben. Nachdem der Führer der Jaish-e-Mohammad unter Hausarrest gestellt wurde, hat diese radikalste Gruppierung, die auch für die Attentate auf die Parlamente von Kaschmir und Delhi verantwortlich gemacht wird, angekündigt, sie werde ihr Operationsgebiet ganz von Afghanistan und Pakistan nach Kaschmir verlegen und als erstes das Tadsch Mahal in die Luft jagen. Auch der neuerliche Anschlag auf das Kaschmirparlament vom Mittwoch geht auf das Konto der Jaish. Auf diese Weise wird die Krisenspirale in Bewegung gehalten. Wenn es nicht endlich zu einer Lösung des indisch-pakistanischen Konflikts kommt, dann droht er immer weiter außer Kontrolle zu geraten.

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