Meinung : Gefangen vom eigenen Leid

Die Dämonisierung der deutschen Vertriebenen in Polen entwickelt sich zur Neurose

Christoph von Marschall

Die Fixierung aufs Negative, das Ausblenden ermutigender Entwicklungen, gilt neuerdings als typisch deutsch. Aber vielleicht sind die Polen den Deutschen ja ähnlicher, als ihnen lieb ist.

Nehmen wir die Berichte über den Antrittsbesuch des Bundespräsidenten in Polen einerseits und die Aufregung über den „Empathie“-Abend des Bundes der Vertriebenen (BdV) für die Opfer des Warschauer Aufstands andererseits. Da ehrt erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik das neue Staatsoberhaupt den großen Nachbarn im Osten (und nicht den im Westen) mit der symbolträchtigen ersten Auslandsreise; Horst Köhler lobt zudem Polens Weg seit 1989 als weltweit anerkannte Erfolgsgeschichte. Doch abgesehen vom Bild der Fußball spielenden Präsidenten auf der Titelseite – Köhler hatte Aleksander Kwasniewski einen EM-Ball mitgebracht –, ist das den polnischen Blättern nur kleinere Geschichten auf hinteren Seiten wert.

Dafür könnte man Verständnis haben – schließlich traten am gleichen Tag zwei Minister zurück –, wäre da nicht das überdimensionierte Interesse an einem anrührenden, aber nicht gerade weltbewegenden Ereignis im fernen Berlin: Der BdV gedenkt der polnischen Opfer des Warschauer Aufstands. Seit Tagen ist das für polnische Zeitungen ein Großthema auf den Titelseiten – mit durchweg negativem Unterton. Keine begrüßenswerte Korrektur des BdV will man darin erkennen, sondern eine „Provokation“, eine „Manipulation der öffentlichen Meinung“, gar eine Herabwürdigung des „heiligen“ Widerstands gegen Nazideutschland und Stalinismus.

Man kann erklären, wie es zu solchen Sichtweisen kommen konnte, aber auch viele Polenfreunde gewinnen langsam den Eindruck, das Nachbarland steigere sich in eine nationale Hysterie hinein. Das lässt sich auch am Bekanntheitsgrad von zwei Namen ablesen: Rudi Pawelka, in Deutschland ein Nobody, und Erika Steinbach, hierzulande allenfalls einer Minderheit bekannt. In Polen sind beide Politstars – als böse Dämonen.

Rudi Pawelka ist Vorsitzender der „Preußischen Treuhand“, die Entschädigungs- oder gar Restitutionsansprüche deutscher Vertriebener gegen den polnischen Staat durchsetzen will. Dass Polen dies beunruhigt, versteht sich. Aber in Deutschland gibt es keine nennenswerte Kraft, die ihn unterstützt. Verbieten kann ein demokratischer Rechtsstaat private Initiativen nicht, auch wenn er sie nicht billigt.

Erika Steinbach will in Berlin ein „Zentrum gegen Vertreibungen“ bauen. In Polen nimmt man ihr nicht ab, dass es ihr wirklich um das Leid aller Vertriebenen des 20. Jahrhunderts in Europa geht. Man argwöhnt, sie wolle aus dem Tätervolk ein Opfervolk machen. Hat sie nicht gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze gestimmt? Und ist der BdV nicht ein Sammelbecken von Revanchisten?

Selbst wenn es so wäre: Der Fleiß, mit dem polnische Medien den Nobody Pawelka und die nicht sehr einflussreiche Steinbach zu mächtigen Figuren stilisieren, wirkt ein wenig neurotisch.

Auch wer Erika Steinbach misstraut und argwöhnt, ihre Empathie für die aufständischen Warschauer sei zweckgerichtet – sie wolle damit polnisches Mitgefühl für das Leid der deutschen Vertriebenen erzwingen –, der kann dem Berliner Abend Gutes abgewinnen: Die Redner lehrten die Zuhörer, die Geschichte mit polnischen Augen zu sehen. Anwesende polnische Journalisten waren durchaus beeindruckt, wie hier über polnische Opfer und Heldentaten erzählt wurde.

Der BdV und Erika Steinbach haben über Jahre viel dazu beigetragen, polnisches Misstrauen zu schüren. Sie werden lange und geduldig daran arbeiten müssen, es abzubauen. Ein Empathie-Abend reicht nicht, um postwendend polnisches Mitgefühl für deutsche Opfer zu erwarten. Diese Mahnung konnte, wer wollte, der klugen Rede Kardinal Lehmanns entnehmen. Gemeinsames Erinnern heilt das Gedächtnis. Sagt der Papst. Und der ist Pole.

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