Meinung : Gefühlte Wirklichkeit

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Man soll nur Umfragen glauben, die man selbst gefälscht hat, sagt ein Kalauer. Der ostdeutsche Sozialverband Volkssolidarität führt uns jetzt eine Umfrage über die Stimmungslage im Osten vor. Letztere ist danach auf dem Tiefpunkt. Ehe man die Befunde beklagt oder vielleicht gar bezweifelt, muss man sie erst einmal zur Kenntnis nehmen. Schließlich hat der Verband, zu DDR-Zeiten ein Hort der gemeinschaftlichen Geborgenheit für die Alten mit Seniorenclub, Nachbarschaftshilfe und Ausflugsfahrten, so seine Erfahrungen: Es ist bereits das 17. Mal, dass ein solcher „Sozialreport“ vorgelegt wird. Die Grundfrage der Umfrage ist nicht „Wie geht’s den Leuten?“, sondern vielmehr „Wie fühlen sich die Leute?“ Grundsätzliche Einwände drängen sich auf: Wenn Aussagen über „Zufriedenheit“, also gefühlte Zustände, nicht an den objektiven wirtschaftlichen oder sozialen Kennziffern gespiegelt werden, droht eine Verzerrung des realen Bildes. Außerdem birgt der fehlende Vergleich zu den entsprechenden Stimmungen im Westen die Gefahr, die Ostbevölkerung immer wieder aufs Neue zu stigmatisieren: als undankbar, DDR-nostalgisch, einer Vollkaskomentalität anhängend. Diese Wirkung – zumal andere Umfragen zu anderen Ergebnissen kommen – dürfte den Initiatoren eher unangenehm sein. Ihnen ist der durchaus ehrenwerte aufklärerische Impuls zu unterstellen, mit der Studie eben gerade auf die Defizite im Osten aufmerksam zu machen. Was aber tatsächlich in den Befund eingeht, ist ein fatales Symptomgemenge: der Phantomschmerz über einen verloren gegangenen Fürsorgestaat, eine verschleppte Ideologiegrippe, eine tief sitzende Depression in ausblutenden Regionen, ein Angstgefühl angesichts des Arbeitsmarktes. Wenn dann politische Reformdebatten auf solch einen seelischen Untergrund treffen, verstärkt sich das Herzflimmern der Probanden. Wem nutzt am Ende diese Diagnose? sc

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