Meinung : Gegen die Radlosigkeit

Wie man den Kohlendioxidausstoß senkt und gleichzeitig Technologieförderung betreibt: ein Lob der Windkraft

Thomas de Padova

Windräder am Horizont. Dutzende. Spargelstangen, Flügelmonster. Die größten von ihnen messen vom Boden bis zur Flügelspitze bereits mehr als 150 Meter. Sie sind so hoch wie der Kölner Dom. Man muss kein Don Quixote sein, um darin feindliche Riesen zu sehen. Diesmal, ja, diesmal ist die Gefahr real!

Der „Spiegel“ hat in dieser Woche den Kampf gegen die Windmühlen eröffnet, hat sie vom hohen Ross aus mit spitzer Feder attackiert. Und er hat den Zeitpunkt für „Die große Luftnummer“ gut gewählt: Die Woche, in der die Entscheidung zum Emissionshandel bevorstand und in der die Abstimmung zum Erneuerbare-Energien-Gesetz ganz oben auf der politischen Agenda steht schien geradezu prädestiniert dafür, das Land der Rotoren kräftig aufzuwirbeln und in einem Sturm der Empörung alle Zeugnisse des Windmühlenwahns in einer Ecke zusammenzublasen: Müssen wir diese „hoch subventionierte Landschaftszerstörung“ wirklich hinnehmen?

15 000 Windmühlen in Deutschland – da möchte manch einer das Rad der Geschichte doch lieber ein paar Jahre zurückdrehen. In eine Zeit, als man auf Äckern und Wiesen lediglich hin und wieder einem der 200 000 filigranen Hochspannungsmasten begegnete. Wer den Stromleitungen durch breite Waldschneisen lange genug folgte, der erreichte allerdings auch damals schon die mit Abstand hässlichsten Stätten der Energieversorgung: die Kohle- und Atomkraftwerke.

Die Menschen im Ruhrgebiet können ein Lied davon singen. Wer ein solches Kraftwerk vor der Haustür hat, den plagt nicht nur der Anblick, sondern noch dazu die Sorge um die eigene Gesundheit. Und könnte man all den Smog und die Landschaftsverschandelung zusammentragen, mit denen solche Anlagen untrennbar verbunden sind, sie würden sprichwörtlich im eigenen Dreck ersticken: in Abgasen und radioaktiven Abfällen, in sauren Böden, in ausgeräumten Bergwerken und Tagebaulandschaften.

Die Landschaftsverschandelung, der wesentliche Kritikpunkt an der Windenergie im „Spiegel“, ist eine Frage des Blickwinkels. Das Magazin untermalt seine immer gleiche Perspektive aber noch, indem es von einer „hoch subventionierten“ Landschaftszerstörung spricht.

Es scheut auch hier einen Vergleich mit anderen Formen der Energiegewinnung. Keine Rede davon, dass wir für Kohle seit jeher viel tiefer in die Tasche greifen als für Wind. Oder dass die Atomenergiebetreiber für viele der durch sie verursachten Kosten gar nicht erst zur Kasse gebeten werden.

Richtig ist, dass wir alle für die Windräder zahlen, die inzwischen etwa fünf Prozent der Energie hier zu Lande erzeugen. Und jetzt, da die wirtschaftlichen Perspektiven düster sind, ist manch einem jeder Windpfeiler ein Dorn im Auge. Vor ein paar Jahren, als sich Deutschland im Aktienrausch befand, hat niemand viel Anstoß daran genommen, dass etliche Anleger, die früh in Windfonds investierten, auch gut dabei verdienten. Irgendein Nachbar hatte immer gerade irgendeine „Lizenz zum Gelddrucken“ erworben.

Allerdings sind private Anleger mit Windfonds schon immer ein hohes Risiko eingegangen. Dieses Risiko ist mit der neuen Technik bis heute verbunden. Sie hat viele Kinderkrankheiten durchzustehen gehabt, langfristige Windprognosen sind zudem kaum möglich – man denke nur an die Windflaute der vergangenen Sommer.

Marktführer Deutschland

Um überhaupt Investoren zu finden, die ihr Kapital in die Erzeugung erneuerbarer Energien steckten, um die ersten Mühlen überhaupt in Gang zu bringen, mussten also Anreize geschaffen werden. So der politische Wille. Anreize in Form einer garantierten Vergütung für den so erzeugten Strom.

Diese Vergütung lag Anfang der 90er Jahre mit mehr als 18 Cent pro Kilowattstunde weit über dem Strompreis. Sie ist inzwischen auf weniger als die Hälfte dieses Betrages gesunken. Das ist zwar immer noch deutlich mehr als der aktuelle Strompreis von etwa drei Cent. Aber Jahr für Jahr erhalten die Windmüller weniger Geld für ihre ins Netz eingespeiste Energie – während der Strompreis selbst steigt. Inzwischen ist absehbar, dass die Mühlen an guten Standorten in acht bis zehn Jahren wirtschaftlich laufen werden. Dann werden sie keine weitere Förderung mehr benötigen.

Zurzeit tragen wir alle den Bau der Windmühlen über den Strompreis mit. Das bekommt die Industrie viel direkter zu spüren als die privaten Haushalte – und verteilt die Kosten um. Unsere monatliche Stromrechnung erhöht sich durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz dagegen um nur einen Euro pro Monat, macht: ein Eis am Stiel weniger im Monat, wie Umweltminister Trittin gerne vorrechnet. Dafür wurden in den letzten Jahren 15 000 Flügel am Stiel hochgezogen. In der Produktion von Windrädern arbeiten inzwischen mehr als 40 000 Menschen, wovon auch der Maschinenbau und die Stahlindustrie profitieren. Deutsche Firmen bauen heute die weltweit besten und effizientesten Windräder.

Die Deutschen haben selbst die Dänen überflügelt, obwohl man im Nachbarland bereits 15 Prozent des Stroms aus Windkraft gewinnt. Auch die bisher größten Offshore-Windparks der Welt wurden in Dänemark gebaut – was, nebenbei bemerkt, nicht zum Zusammenbruch der Stromnetze führt, wenn der Wind mal nicht so stark bläst.

Der Export deutscher Windkraftanlagen und ihrer Komponenten nimmt Jahr für Jahr zu. Nicht, dass den anderen das Wissen darum fehlte. Aber der Technologievorsprung gegenüber den meisten Ländern, die Möglichkeit, Windräder in großer Stückzahl zu produzieren, ist mittlerweile so groß, dass wir auf dem rasant wachsenden Windmarkt eine dominante Rolle spielen.

Dieser Markt wird weiter wachsen. Nicht nur aus Gründen des Klimaschutzes, sondern auch, weil die Installation von Windparks an vielen windreichen Standorten, ob in Großbritannien oder Marokko, schon in absehbarer Zeit billiger sein wird als der Bau fossiler Kraftwerke. Die Schwelle wird bald erreicht werden. Und dann – ja, dann san mir mi’m Radl da!

Wir könnten das Loblied schon jetzt singen, zu Beginn der Spargelzeit. Aber statt uns auf die Ernte zu freuen, werden Befürchtungen laut, die Windmühlen könnten die ganze Landschaft überwuchern, die Spargelguerilla könnte in ihrer Trance-Hollandaise auf jedem freien Fleckchen Erde einen neuen Windpark hochziehen und jedes Dorf in Schleswig-Holstein oder der Uckermark umzingeln. Auch hier irrt der „Spiegel“.

Da und dort sind solche Befürchtungen durchaus verständlich, weil in der Vergangenheit nicht immer die besten Standorte für die Anlagen gewählt wurden. Eine bessere Planung tut not. Aber die Zahl der Windmühlen wird in Deutschland langfristig eher wieder ab- als zunehmen.

Die Anlagen sind größer und besser geworden. Viele kleine Windräder, ja ganze Windparks werden in den nächsten Jahren durch moderne, zehn- oder 50-mal leistungsfähigere Räder ersetzt werden. Was ineffizient ist, fällt dem zunehmenden Preisdruck zum Opfer, der auch im neuen Entwurf zum Erneuerbaren-Energien-Gesetz verankert ist, das heute im Bundestag zur Debatte stehen wird.

Wichtiger als Emissionshandel

Ob man mit einer geringeren Förderung der Windkraft den Schritt hin zu effizienteren Mühlen in der Vergangenheit noch hätte beschleunigen können, darüber lässt sich im Nachhinein nur spekulieren. Für den Klimaschutz wird das Erneuerbare-Energien-Gesetz auch in Zukunft ein ungemein bedeutendes Förderinstrument bleiben. Ein viel wichtigeres jedenfalls als der zum Machtkampf zwischen Wirtschaftminister Clement und Umweltminister Trittin hochstilisierte Emissionshandel.

Durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz kann Deutschland seinen Kohlendioxidausstoß erheblich stärker senken und gleichzeitig eine Technologieförderung betreiben, die unser Land braucht und die auch anderen zugute kommt. Und das wird im internationalen Klimaschutz immer wichtiger: Die Frage, ob die Industrialisierung heutiger Entwicklungs- und Schwellenländer auf Dauer mit anderen Mitteln gelingen kann als mit der konventionellen, sprich: in erster Linie fossilen Energieversorgung.

Nackte Polemik und Radlosigkeit sind darauf nicht die richtigen Antworten. Wer damit den Kampf gegen Windmühlen führt, ist wie einst ein Ritter von der traurigen Gestalt.

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