Meinung : Gegenwehr mit Rotz und Wasser

Die Zunahme von Allergien gibt immer noch Rätsel auf / Von Alexander S. Kekulé

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WAS WISSEN SCHAFFT

Was für den einen nur „Peanuts“ sind, kann für den anderen tödlich sein: Allein in den USA sterben jedes Jahr bis zu 100 Menschen an ErdnussAllergie. Die salzigen Killer schlagen bereits in kleinsten Mengen zu – bei den meisten Todesfällen genügte der Verzehr von weniger als zwei Erdnusskernen.

Auch hierzulande sind Allergien seit Frühlingsanfang in aller Munde, Augen und Bronchien. Aus botanischer Sicht hat die alljährliche Plage einen simplen Grund: Birken, Erlen und die anderen Quälgeister sind „xenogame“ Pflanzen, bei denen es Männchen und Weibchen gibt (im Gegensatz zu „geitonogamen“, bei denen jede Pflanze weibliche und männliche Blüten trägt). Da die Männchen dieser „Windbestäuber“ keine schön bunten, wohlschmeckenden und duftenden Blüten haben, wollen Bienen und andere bestäubende Tiere nichts von ihnen wissen. Deshalb produzieren sie gigantische Mengen allerfeinster Pollen, die vom Wind über hunderte Kilometer bis zur nächsten weiblichen Pflanze getragen werden – und bei einigen Menschen das Immunsystem in Rage versetzen.

Die medizinische Ursache hierfür ist immer noch ein Rätsel. Sicher ist nur, dass Allergien in Großstädten und zivilisierten Ländern zunehmen, während sie bei der Landbevölkerung und in Entwicklungsländern mit niedrigen hygienischen Standards selten sind. Offenbar trainiert der frühe Kontakt mit Bakterien, Viren und anderen Krankheitserregern in der Kindheit das Immunsystem. Weil dieser Prozess mehrere Jahre dauert, zeigen sich bei bis zu einem Viertel aller Kleinkinder irgendwann einmal allergische Erscheinungen der Atemwege wie Heuschnupfen oder obstruktive („asthmaähnliche“) Bronchitis. Hier ist Abwarten meist die beste Therapie: Nur etwa sechs Prozent der Kinder entwickeln später echtes Asthma. Bei vielen anderen Fragen tappen die Wissenschaftler jedoch weiter im Dunkeln. So ist nicht einmal klar, ob Kontakt mit Haustieren in der Kindheit gut oder schlecht ist: Tiere verbreiten – möglicherweise schützende – Bakterien, manchmal lösen ihre Haare jedoch Allergien aus.

Sicher ist immerhin, dass die genetische Veranlagung eine wichtige Rolle spielt. Allergiker produzieren große Mengen so genannter „IgE-Antikörper“, die sich auf der Oberfläche von „Mastzellen“ festsetzen – Immunzellen, die normalerweise in den Atemwegen Krankheitskeime bekämpfen. Diese IgE-beladenen Mastzellen sind wie entsicherte Tretminen: Bei Kontakt mit Pollen und anderen, meist harmlosen Auslösern setzen sie explosionsartig große Mengen von hoch aktiven Substanzen frei, die normalerweise der Abwehr von Krankheitskeimen dienen – die Schleimhäute schwellen und versuchen, mit Rotz und Wasser die vermeintlichen Eindringlinge wegzuspülen. In seltenen Fällen kann die Reaktion derart außer Kontrolle geraten, dass überall im Körper Flüssigkeit in das Gewebe strömt und dem Blutkreislauf verloren geht: Es kommt zum lebensbedrohlichen Schock.

Seit kurzem sind neue Medikamente in der Erprobung, die eine Bindung der IgE-Antikörper an die Mastzellen verhindern und dadurch allergische Reaktionen vom Heuschnupfen bis zum Erdnuss-Schock verhindern können. Allerdings kosten die erforderlichen Spritzen derzeit noch etwa 10 000 Dollar pro Jahr. Allergiker werden sich deshalb wohl noch eine Weile nach birkenfällenden Motorsägen sehnen, wenn bei der Flora die Frühlingsgefühle aufkommen.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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