Geheimdienste : Entspannt euch, Daten-Messies!

Geheimdienstler sammeln Milliarden an Bits und Bytes - und horten ihre Daten wie Messies, findet Caroline Fetscher. Der Aufklärung von Fällen helfe das allerdings nur selten - denn es gibt beim Menschen etwas, das Technik nicht besiegen kann.

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Überwachungskamera in Berlin: Alles sammeln, alles speichern
Überwachungskamera in Berlin: Alles sammeln, alles speichernFoto: dpa

So etwas passiert sonst nur im Traum oder im Kino. In der Messie-Wohnung eines betagten Erben entdeckten Ermittler rund 1400 kostbare Kunstwerke. Ein Gutteil von ihnen wurde durch das internationale „Art Loss Register“ gesucht, viele zählten in der NS-Diktatur zur verfemten Kunst von Malern wie Otto Dix, Emil Nolde und Max Beckmann. Viele galten als verschollen. Ein skandalöser Fund. Auf den dubiosen, hortenden Alten war die Kripo offenbar gestoßen, als er einmal Bargeld aus der Schweiz nach Deutschland schaffen wollte – ertappt bei einer individuellen Routinekontrolle.

Staatliche Stellen kontrollieren gern. Früher beäugten Ermittler in Uniform oder Zivil Reisende an Zollhäuschen, Geheimdienstler lugten in dunklen Gassen unter der Hutkrempe hervor. Seit die Epoche der Silicon-Technologie angebrochen ist, verfügen staatliche Stalker über wundervolle technische Spielsachen, die etwa der „TKÜ“ dienen, der Telekommunikationsüberwachung von Internetzugängen oder Mobil- und Festnetzen. Unsummen von Daten lassen sich jagen und sammeln, auf winzige Chips passen gigantische Erträge. Ein Spähtrojaner – und alle Daten fliegen einem zu. Wie beim Dynamitfischen, wo ein Sprengsatz reicht, und alle Karpfen treiben auf der Oberfläche des Teichs. Abgeschöpft! Tote Fische. Leere Daten.

Das Sammeln von Milliarden Daten überfordert die Geheimdienstler

Da hocken die Dienste auf ihren Milliarden Bits und Bytes, die sie euphemistisch als Informationen bezeichnen. Wie die Causa Mohammed Atta zeigte, des Hamburger Attentäters vom 11. September 2001, oder auch der Fall der rechtsradikalen Serienmörder, sind die Jäger mit ihrer Beute überfordert. Verführt von den Möglichkeiten elektronischer Speicher haben die Sammler das entwickelt, was klinisch als „Desorganisationsproblematik“ bezeichnet wird, oder als „Wertbeimessungsstörung“.

Dieselbe Dynamik liegt dem Messie-Syndrom zugrunde, bei dem einer alles Mögliche sammelt, Knöpfe, Konservendosen oder Bierdeckel. Und nun stehen zwei Riesensysteme der Datenüberproduktion einander gegenüber; eines bei der vermeintlichen Elite der Datenabschöpfer, ein anderes bei der Millionenmasse der Netznutzer. Denn längst sind auch die meisten von ihnen verkappte, digitale Messies. Auf unseren Festplatten häufen sich Unmengen an Downloads, Fotos, Filmen, Spielen, Newssplittern, unzählbar geworden sind die Klicks auf Werbung, Sportergebnisse, Facebook und Emailprogramme. Irgendwo in diesem Wust mag eine heiße Spur liegen für einen kriminellen Plan, womöglich codiert, als Rede über Gartenarbeit.

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Aktion "Ein Bett für Snowden": Aktivisten werben am 05.06. vor dem Kölner Dom für Asyl für den Whistleblower Edward Snowden in Deutschland.Weitere Bilder anzeigen
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Leute sprechen, schreiben in Subtexten und Metaphern. Leute meinen das eine, und sagen das andre. Dass ein Ermittler mit klarem Kopf, Berufserfahrung, Menschenkenntnis und Instinkt einem betagten Schweizerfrankenschmuggler auf die Spur kommt, der in seiner Messiebude – vermutlich geraubte – Kostbarkeiten verbirgt, scheint daher immer noch weitaus denkbarer, als dass ein Daten-Messie das kriminelle Potenzial eines anderen Daten-Messies mittels ausgefeilter Technik enttarnt.

Ein Rechner rechnet - aber ein Mensch fühlt

Die größte Illusion der Datensammler lautet: Der Computer macht das. Algorithmisch filtert der schon heraus, wer und was wo verdächtig ist. Aber ein Rechner rechnet. Und ein Mensch denkt und fühlt, oft unberechenbar. Welten liegen zwischen dem digital Binären und dem synaptisch Assoziativen. Selbst das beste Übersetzungsprogramm bringt keinen literarischen Text hervor. Rechner können nicht riechen, ahnen, lieben, Utopien entwerfen oder verwerfen. Sie können nicht über sich selber lachen.

Daher gibt es für die Nachrichtendienste nur die Empfehlung: Weniger wäre mehr. Weniger Personal, dafür besser geschultes, gescheiteres, intuitiveres. Weniger Datenerhebung, dafür gezieltere, klarere, analytischere. Von den genialen Computercracks da draußen sollte sich die Gesellschaft ja gar nicht komplett lösen. Es wäre ja okay, wenn sie uns und sich beschirmen, etwa vor wirren Fundamentalisten, etwa denen, die in den Dschihad ziehen wollen.

Lange schon waren die Experten im Verborgenen da, ohne dass wir viel Ahnung davon hatten. Eben erst gab es dann mit ihnen eine blitzhafte, intensive Begegnung. Nachgerade entfremdend, verstörend wäre es, wenn diese interessante, neue Bekanntschaft plötzlich abbräche. Jetzt würde die Öffentlichkeit doch gern auch mitbekommen, wie es weitergeht, wie die Experten ihren Sinn entfalten für das, was wirklich wirksam aufklärt, tatsächlich Transparenz schafft und schützt.

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