Meinung : Geht es mit der Wirtschaft nachhaltig bergauf?

Foto: HWWI gGmbH
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„Nach der Krise“ vom 14. Oktober und „Stärkstes Wachstum seit 20 Jahren“ vom 15. Oktober

Nach der Krise ist vor der Krise, dieser Satz drückt aus was ich schon länger befürchte. Sie haben schön dargelegt, welch große Wirkung auf die Aktienmärkte die selektive Wahrnehmung der Anleger – „Was gefällt, wird überbewertet. Was die Stimmung trübt, wird verdrängt“ – hat. Wenn aber die Risiken in solchem Maße ausgeblendet werden, dann muss man sich schon fragen, ob man denen, die nun den großen Aufschwung in der deutschen Wirtschaft prognostizieren, wirklich trauen darf.

Die letzte Finanz- und Wirtschaftskrise, deren Auswirkungen wir Steuerzahler noch Jahre spüren werden, begann in den USA mit der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers. Das nun in den USA eine neue Spekulationsblase angeschoben wird, indem die amerikanische Notenbank den Banken die Giftpapiere abnimmt, damit diese weiter billige Kredite an wirklich alle vergeben können, kann in meinen Augen verheerende Folgen auch bei uns in Deutschland haben. Wenn die Risiken zu groß werden, wird die Blase wieder platzen. Und die Dummen werden wieder nicht die Banken sein, sondern die Steuerzahler weltweit. Ich meine, der prognostizierte „Aufschwung“, der anscheinend vom Export getragen wird, ist eher ein letztes Aufflackern, bevor das ganze System krachend auseinanderfliegt. Aus der letzen Krise wurden anscheinend keine Lehren gezogen.

Klaus Baumann, Berlin-Spandau

Sehr geehrter Herr Baumann,

mit Ihrer Befürchtung, dass es sich bei der aktuellen konjunkturellen Erholung lediglich um ein „letztes Aufflackern“ vor der nächsten Krise handeln könnte stehen Sie sicherlich nicht allein und nicht einmal unbedingt im Widerspruch zu „denen, die nun den großen Aufschwung … prognostizieren“. Das erst vor drei Tagen veröffentlichte Gutachten der Gemeinschaftsdiagnose hat zwar den Titel „Deutschland im Aufschwung“, gleichwohl finden Sie auch dort Ihre Befürchtungen als mögliche Risiken für die künftige Wirtschaftsentwicklung wieder. Denn dort schreiben die beteiligten Wirtschaftsforschungsinstitute: „Es ist also noch offen, ob den wirtschaftspolitischen Maßnahmen zur Krisenbekämpfung nicht doch nur ein vorübergehender Erfolg beschieden ist.“ Und zu Ihren Befürchtungen bezüglich der Politik der amerikanischen Notenbank ist dort zu lesen: „Schließlich besteht Grund zur Sorge, dass die überaus expansiv ausgerichtete Geldpolitik destabilisierend wirkt.“

Dennoch kommen fast alle Konjunkturprognosen zu ähnlich günstigen Aussichten für die deutsche Wirtschaft wie die Gemeinschaftsdiagnose, nämlich zu einem Wachstum in diesem Jahr von etwa 3,5 Prozent und im kommenden Jahr von etwa zwei Prozent. Vorweg etwas Grundsätzliches zum Verständnis solcher Prognosen. Wissenschaftliche Prognosen sind immer bedingte Wahrscheinlichkeitsaussagen. Das heißt, die Hauptaussagen der jeweiligen Prognosen gelten nur unter bestimmten Bedingungen und haben auch nur eine gewisse Eintrittswahrscheinlichkeit, die in unsicheren Zeiten nicht einmal sehr hoch sein muss, lediglich höher als die alternativ möglicher Prognosen. Die Bedingungen für die als am wahrscheinlichsten gehaltenen Prognosen und die Risiken für Abweichungen davon werden in der Regel in den Prognoseveröffentlichungen dargelegt. Wer mit diesen Prognosen „arbeiten“ muss, weil er selbst in die Zukunft gerichtete Entscheidungen zu fällen hat, liest in der Regel auch den vollständigen Prognosetext und ist sich der Gefahr etwaiger „Prognosefehler“ bewusst. Warum halten nun die meisten Prognostiker eine Fortsetzung des Aufschwungs für wahrscheinlicher als ein letztes Aufflackern vor der nächsten Krise? Vorweg unterstellen die Prognostiker doch weitgehend rationales Handeln der Wirtschaftsakteure, nicht zuletzt der politisch Verantwortlichen. Aktuell bedeutet das insbesondere, dass ein Währungs- und Handelskrieg vermieden wird, so dass sich die Weltwirtschaft weiter frei entfalten kann. Die momentanen „Lokomotiven“ für die Weltwirtschaft, nämlich die großen Schwellenländer, allen voran China, weisen ein sehr hohes Expansionstempo auf, das vor allem von deren Aufholprozess geprägt wird und deshalb auch selbst von der letzten Krise nur wenig gebremst wurde. Diese Entwicklung sollte anhalten. Die rückfallgefährdeten großen Industrieländer wie die USA und Japan versuchen dies durch neue konjunkturstützende Maßnahmen zu verhindern. Wenn der Welthandel und wichtige Abnehmerländer sich weiter einigermaßen günstig entwickeln, wird das Exportland Deutschland davon besonders profitieren. Aber auch unsere Binnenwirtschaft gewinnt dank der relativ günstigen Entwicklung am Arbeitsmarkt mehr und mehr Stabilität. Das alles lässt doch für die deutsche Wirtschaft hoffen.

Mit besten Grüßen

— Jörg Hinze, Senior Economist Wirtschaftliche Trends, Hamburgisches Weltwirtschafts-Institut (HWWI)

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