Meinung : Gekauft wie gesehen

Von Gerd Appenzeller

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Nach der Wahl von Horst Köhler zum Bundespräsidenten herrschten in der Union und bei den Liberalen richtige Sonntagsgefühle. Wie Angela Merkel es geschafft hatte, den christdemokratischen Mann aus der Wirtschaft für eine Koalition in der Opposition mehrheitsfähig zu machen, das beeindruckte auch jene CDU und CSU-Männer, die ihrer Parteivorsitzenden sonst nicht die Butter auf dem Brot gönnen. Was und wer konnte die Unionsschwestern jetzt noch bremsen? Erst die Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen, dann die Bundestagswahl 2006 – das würde ein Durchmarsch von Sieg zu Sieg sein für die schwarz-gelbe Front. Aber ein halbes Jahr nach der Präsidentenwahl sieht alles anders aus. Zum ersten Mal seit dem Winter 2002 sieht das renommierte Meinungsforschungsinstitut dimap Rot-Grün wieder vor Schwarz-Gelb. Hat Wolfgang Schäuble am Ende Recht gehabt, der 2004 als ein für die Union verlorenes Jahr abhakte – was Angela Merkel so tief traf, dass sie Schäuble als einzigen der CDU-Granden beim Düsseldorfer Parteitag mit keinem Wort erwähnte?

Eine Wahl ist ein bisschen wie eine Versteigerung. Der Wähler betrachtet sich das Angebot und entscheidet dann. Das ist riskant. Manchmal kauft man die Katze im Sack. Hat Gerhard Schröder vor der Wahl 2002 etwa gesagt, mit ihm gebe es Hartz IV? Nein, er hat gesagt, mit ihm gebe es keine deutsche Beteiligung am Irakkrieg. Was bekommt man bei der Union, wenn man für sie stimmt? Auch hier gilt ja: gekauft wie gesehen. Aber was sieht man? Der schneidige Reformer Friedrich Merz ist genauso weg wie das Sozialgewissen Seehofer. Laurenz Meyer ist auch weg. Das hat andere Gründe, aber auch die schmeicheln der Union nicht. Schäuble ist zwar noch da, aber Frau Merkel sieht ihn nicht. Ist noch jemand auf der Bühne? Nein, nur sie. Wofür steht sie? Und wer steht noch neben ihr in ihrer Partei, oder, noch besser, hinter hier, und zwar ohne Dolch? Nein, dass da plötzlich Mehrheiten kippen, ist kein Wunder. Und weder Schleswig-Holstein noch Nordrhein-Westfalen oder gar die Bundestagswahl sind gewonnen.

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