Gelb oder Grün : Eine Frage der Gene?

Warum aus Guido Westerwelle kein Punker wurde. Zur Debatte um die "genetischen Unterschiede" zwischen Grünen und FDP.  

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Gibt es genetische Unterschiede zwischen Parteien?
Gibt es genetische Unterschiede zwischen Parteien?Foto: dpa

"Liegt der Popper tot im Keller, war der Punker wieder schneller." So hieß es zu meiner Schulzeit – wahlweise mit umgekehrten Vorzeichen. Was hier die damalige Konfrontation von Jugendkulturen überzeichnet, ließ sich in abgeschwächter Form durchaus an der Grüppchenbildung in den Lehranstalten beobachten: Dort die Mitglieder der sogenannten "Generation Golf", die laut Autor Florian Illies Helmut Kohl als eine Art Vaterfigur betrachteten, und hier die irgendwie Linkeren, die in Ihrer Freizeit gegen AKW demonstrierten. Doch was bestimmt, wer bei welcher Gruppe landet? Gibt es einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Menschen, der das soziale und politische Denken bestimmt? Und ist dies in der Erziehung angelegt oder gar eine Frage der Vererbung?

Auf einem kleinen Parteitag sprach Grünen-Chef Özdemir am Wochenende von "genetischen Unterschieden" zwischen der FDP und seiner Partei. Das ließe sich durchaus unter einen erweiterten Rassismusbegriff subsumieren, meint Malte Lehming. Zugegeben: Die Äußerung von Özdemir ist mindestens unglücklich, auch wenn der Grünen-Chef sicherlich auf die politischen Anlagen der beiden Parteien und weniger auf die Gene der jeweiligen  Mitglieder abzielte.

Ein Gen für ökologisches, soziales, marktradikales oder konservatives Denken wird es nicht geben. Zwar geisterte kürzlich das Ergebnis einer amerikanischen Langzeit-Studie durch die Gazetten, nach der junge Leute, die sich als "sehr konservativ" bezeichnen, im Schnitt einen niedrigeren Intelligenzquotienten haben als ihre Altersgenossen, die sich als "sehr liberal" einstufen – wobei das amerikanische Verständnis von liberal gemeint ist, also nach hiesigem Verständnis progressiv. Doch zum einen sind derlei Studien mit Vorsicht zu genießen und zum anderen ist auch hier die Begründung der Autoren keine rein biologische: Intelligenz erlaube es den Menschen, sich anders zu verhalten, als es die Evolution in ihnen angelegt habe, also zunehmend sozial und weniger eigennützig. In der Psychologie besteht weitestgehend Konsens darüber, dass sowohl Vererbung als auch Umwelteinflüsse bei der Intelligenzentwicklung eine Rolle spielen.

"Auf leisen Sohlen ins Gehirn" heißt ein Buch, in dem die Autoren George Lakoff und Elisabeth Wehling unter anderem darstellen, wie das erlebte Verständnis von moralischer Autorität in der Familie unbewusst auf die Politik übertragen wird. Dabei unterscheiden sie zwischen einem konservativen Familienmodell mit strengem Vater, in dem vermittelt wird, dass man nur leistungsbereit genug sein muss um Erfolg zu haben, und einem progressiven Familienmodell. Letzteres setzt weniger auf "Siege im Wettbewerb" als auf Kooperation und soziale Kompetenz. Diese "Gutmenschen" schaden aus Sicht der Konservativen den sozial Benachteiligen, wobei auch hier die US-Konservativen gemeint sind, denen die hiesigen Liberalen weitaus näher stehen als den amerikanischen (Links-)Liberalen. Sie hinderten Menschen daran ihr Eigeninteresse zu verfolgen und am freien Wettbewerb zu wachsen. Lakoff und Wehling weisen in diesem Zusammenhang auch darauf hin, dass der freie Markt nur innerhalb bestimmter Regeln frei und daher ein Mythos ist.

Beeinflussen also unsere Eltern, ob wir FDP oder Grüne wählen? Auch dies darf in seiner Generalität bezweifelt werden: Spätestens mit der Pubertät wird zwecks Abgrenzung zum Vater aus so manch einem Ministranten ein veritabler Punker oder aus dem Sohn des Ur-Schalkers ein Bayern-Fan – und die Tochter des Rockers aus der Bauspar-Werbung bringt einen Freund mit nach Hause, der als Bilderbuch-Schnösel längst tot im Keller liegen müsste. Menschen sind nicht auf das eine oder andere Modell festzulegen, Erfahrungen nicht eindimensional. Und Gott sei Dank kann das Denken ab und an die Richtung ändern.

Selbst bei politischen Parteien wie den Grünen und der FDP, sind die "genetischen" oder gelernten Unterschiede selten so groß, dass gar nichts zusammen geht. Was Özdemir für Land und Bund ausschließt, ist im Saarland längst Realität: eine Koalition mit Grünen und Gelben. Offen bleibt die Frage, wie das, was die FDP unter moralischen Werten versteht, so weit von dem abweichen kann, was viele Andere darunter verstehen – und warum aus Guido Westerwelle eindeutig ein Popper und kein Öko oder Punker wurde.

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