Gemäldegalerie : Ansichtssachen

Kunst in Berlin: Warum die Gemäldegalerie unbedingt auf die Museumsinsel gehört.

Christina Tilmann

Wenn die Museumsinsel dereinst wieder in alter Schönheit erstrahlen wird, dann war das ein großartiges Wiedergutmachungsprogramm. Das größte Berliner Bauprojekt der Nachwendezeit und eine Wiederherstellung des Zustands von vor 1945. Millionen von Touristen bestätigen schon jetzt die Attraktion.

Wenn das Berliner Schloss einst wiederaufgebaut sein wird, als optischer Abschlusspunkt der Prachtstraße Unter den Linden, ist auch das die Wiederherstellung eines Zustands, den sich viele zurückersehnen: das klassische Berlin der Schinkel- und Stülerzeit. Auch hier wird man sich über Zulauf kaum Gedanken machen müssen.

Die Gemäldegalerie ist die Dritte im Bunde. Sie gehört historisch auf die Museumsinsel, von wo sie nach 1945 in Teilen vertrieben wurde, um in Dahlem ein jahrzehntelanges Provisorium zu finden, bis Ost- und Westteil 1998 wiedervereinigt wurden. Sie gehört auch inhaltlich an diese Stelle, in den Sammlungszusammenhang der Museumsinsel, der dortigen Bauten. Die Skulpturen im BodeMuseum, das 19. Jahrhundert in der Alten Nationalgalerie, und die Zeit vom 13. bis 18. Jahrhundert suchen Sie bitte woanders?

Das Kulturforum hingegen, wo die Gemäldegalerie seit 1998 ihren Sitz hat, ist ein politischer Gegen- und Unort. Neue Nationalgalerie, Philharmonie, Staatsbibliothek, das waren trotzige Setzungen aus West-Berlin, Leuchttürme im Niemandsland direkt an der Mauer. In Stein gefasster Kalter Krieg, auch in der Kultur. Die Gemäldegalerie, 1998 sehr spät eröffnet, wurde noch in diesem Geist geplant – und hat mit dem nach der Wende gewachsenen Kommerz- und Kinoleben am Potsdamer Platz nichts gemein.

Deshalb ist es fahrlässig, wenn Michael Eissenhauer, der Generaldirektor der Staatlichen Museen, der Rückkehr der Gemäldegalerie nicht oberste Priorität einräumt. Sicher, auch im Bereich der Gegenwartskunst gibt es riesige Baustellen; die Neue Nationalgalerie, Mies van der Rohes Meisterwerk, ist ein Sanierungsfall und die dort eigentlich angesiedelte Sammlung des 20. Jahrhunderts viel zu oft wegen Sonderausstellungen heimatlos. Das Kulturforum bleibt auch städtebaulich ein Problem. Und dass die zeitgenössische Kunst, die durch unzählige internationale Künstler von Rang in der Stadt ein schier unendliches Potenzial birgt, noch immer keinen richtigen Ort hat, weder auf dem Schlossplatz, wo die Temporäre Kunsthalle gerade gescheitert ist, noch im Hamburger Bahnhof, der mit Großsammlungen vollgestopft ist – und auch Klaus Wowereits Planungen für eine dauerhafte Kunsthalle auf erbitterten Widerstand treffen: All das ein Trauerspiel, ja ein Skandal.

Doch die Gemäldegalerie hat anderes Gewicht. Wenn im Humboldt-Forum am Schlossplatz die außereuropäische Kunst nun einen machtvollen Auftritt erhält, dann braucht sie als Gegenüber unbedingt die Rückbesinnung auf die europäische Kultur und Sammlungstradition. Es ist, nicht zuletzt, auch eine Frage von Selbstverständnis und Identität.

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