Gemäldegalerie : Kein Ort der Moderne

Alle rufen "Rettet die Gemäldegalerie!" Alle sorgen sich nur um die Alten Meister. Das passt nicht zu einer weltoffenen Stadt.

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Kommunikation ist in der Demokratie die halbe Miete, mindestens. Allmählich begreift das auch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, nachdem sie unter Beschuss geraten ist wie kaum je zuvor in ihrer Geschichte. Bis zum Museumsstreit um die Zukunft der Alten Meister und die Umrüstung der Gemäldegalerie zur Galerie des 20. Jahrhunderts benahmen sich die Herren der Kunstschätze, als befände man sich noch bei Hofe. Man residiert in altehrwürdigem Neorenaissancegemäuer mit Marmor, Stuck und Prinzen-Büsten, entwirft hinter verschlossener Tür die ganz große Vision und bringt opulente Bände dazu heraus. Aus dieser Perspektive verwechselt man die Museumsbesucher, die Kunstfreunde, die Berliner und die Touristen schnell mal mit lästigem Fußvolk.

Auch der Kulturstaatsminister vergisst vor lauter Stolz darüber, dass er den Haushältern erneut Geld entlocken konnte, die Kommunikation mit dem Steuerzahler. Bernd Neumann verkündete zehn Millionen Euro für den ersten Schritt in der Museumsrochade, dem größten Kulturprojekt des Bundes neben dem Humboldt-Forum – und ging in Urlaub.

Kein Wunder, dass das Fußvolk sich lautstark zu Wort meldete: „Rettet die Gemäldegalerie!“ Das war nötig, um die Staatlichen Museen endlich dazu zu bringen, ihre Neuordnung nicht nur in Fachkreisen zur Diskussion zu stellen. Der Preußenstiftung gehört die Kunst ja nicht, der Staat hat ihr nur die Sorgeberechtigung übertragen. Dazu gehört neben der Planung der Zukunft auch die öffentlichkeitswirksame Vermittlung der Pläne. Diese Verantwortung wurde vernachlässigt. Weshalb Stiftungspräsident Hermann Parzinger und Generaldirektor Michael Eissenhauer nun alle Hände voll zu tun haben, Missverständnisse zu beseitigen, Hysterie einzudämmen und klarzustellen: Die Gemälde ziehen erst dann um, wenn die gewählten Volksvertreter den Umzug beschlossen haben.

Die Empörung der Wutbürger trägt konservative Züge; alle Welt sorgt sich ausschließlich um die Alten Meister. Dass viele Meisterwerke der Klassischen Moderne über Jahre im Depot lagern mussten, hat nie einen Aufschrei provoziert. So erinnern die Petitionen gegen eine Umnutzung der Gemäldegalerie an die bösen Proteste, wie sie David Chipperfield bei der später gefeierten Neugestaltung des Neuen Museums erlebte. „Rettet die Museumsinsel!“ lautete die erregte Parole; die Gesellschaft Historisches Berlin fürchtete den Ausverkauf des Weltkulturerbes. Seltsam: Die jetzt angekündigte Rückkehr der Alten Meister auf die Insel geschieht ja im Sinne des Weltkulturerbes. Die Aussicht darauf müsste die kulturkonservativen Petitionisten eigentlich beglücken.

Berlin hat noch mehr großartige Schätze, in Dahlem, in den Depots der Ethnologischen Sammlungen. Die vermisst keiner, es ist beschämend für eine weltoffene Stadt wie Berlin. Zeit, dass auch die Debatte über die Gestaltung des Humboldt-Forums mit diesen Sammlungen wieder aufflammt.

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