Meinung : Gemeinsam passiv

NAME

Von Jacob Heilbrunn

Die Spannungen in den deutsch-amerikanischen Beziehungen nehmen zu. Der Kanzler warnt den Präsidenten vor Abenteuern und nennt ihn einen schießwütigen Texaner. US-Botschafter Dan Coats plaudert seinen Protest im Kanzleramt in der Öffentlichkeit aus. Deutschland hat Angst, dass der Krieg kommt, die Bush-Regierung Angst, den richtigen Zeitpunkt zu verpassen: zwischen den Kongresswahlen in diesem November und der nächsten Präsidentenwahl. Der Gipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg wird die beiderseitigen Ressentiments in Europa und Amerika verstärken.

Es geht auch um Standpunkte. Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice sagt, Saddam Hussein dürfe nicht die Mittel haben, Millionen Menschenleben auszulöschen. Bushs Kritiker in Europa und Amerika antworten, die Eindämmungspolitik habe doch ganz gut funktioniert – wie schon gegen die Sowjetunion. Warum also einen Krieg riskieren?

Es gibt Orte auf der Erde, wo eine Intervention dringender wäre. Wo das Leben von sechs bis acht Millionen Menschenleben in Gefahr ist – und womöglich eine gemeinsame politische Intervention Europas und der USA ausreicht, sie zu retten. Doch gegenüber Simbabwe verhalten sich beide merkwürdig passiv. Wenn Robert Mugabe mit seiner Aufstachelung zum Klassenkampf gegen weiße Farmer weiter macht, droht nicht nur die Eskalation zum Klassenmord, sondern ein Massenmord durch Hungersnot – ähnlich wie unter Stalin nach der Beseitigung der Kulaken (Großbauern). Mugabe macht Getreide zur politischen Waffe, wie Stalin in der Ukraine und Mao in China. Schauen die Weltmächte einfach zu, wie sich das Verbrechen gleich zu Beginn des neuen Jahrhunderts wiederholt?

Eine Landreform in Simbabwe ist nötig, das bestreitet niemand. Aber gerecht muss sie sein und kontrolliert erfolgen. Mugabe ist ein Diktator, der die Wahl im Frühling gefälscht hat und nun Land stiehlt, um seine Parteigänger zu belohnen und sich die Unterstützung des Militärs zu sichern. Die Vereinten Nationen sagen voraus, dass Millionen Leben durch das absehbare Missmanagement, die Dürre und den Hunger bedroht sind, wenn die weißen Farmer verjagt werden – in der Mehrzahl die Leben von Schwarzen. Hunderttausende Landarbeiter werden ihre Arbeit verlieren und ihre Familien den Unterhalt.

Die EU versucht zu helfen und das Leid zu lindern, indem sie Getreide spendet. Das ist gut, aber nicht genug. Sie müsste protestieren und Druck ausüben – und ebenso die USA. Der Schlüssel dazu ist Südafrika. Südafrika kontrolliert Simbabwes Stromversorgung und die Finanzen.

In Simbabwe braucht man, anders als im Irak, nicht erst UN-Inspektoren, um präzise zu wissen, wie groß die Gefahr ist. Die Welt weiß es. Und schweigt trotzdem. Und unternimmt kaum etwas, um diesen Massenmord zu verhindern. Es geht um eine sehr konkrete Bedrohung, nicht um mögliche Bedrohungsszenarien. Eine gemeinsame Aufgabe für Europa und Amerika.

Der Autor ist Leitartikler der „Los Angeles Times“. Foto: privat

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben