Gemeinschaftsschule : Ein Umweg, kein Holzweg

Vor 30 Jahren war es die "rote" Gesamtschule, heute ist es die Gemeinschaftsschule, die die Protestler auf den Plan ruft. Der Grundgedanke, Kinder möglichst lange gemeinsam fördern, müsste inzwischen unstrittig sein.

Susanne Vieth-Entus

Wer alt genug ist, erlebt gerade ein Déjà-vu: Wie schon vor 30 Jahren wird gerade um die Akzeptanz für ein pädagogisches Reformprojekt geworben – und wieder wollen die Gymnasien nicht mitmachen. Damals war es die „rote“ Gesamtschule, der sie sich entzogen, heute ist es die rot-rote Herzensangelegenheit namens Gemeinschaftsschule, die wiederum bei den Gymnasien nicht landen kann.

Aber damit nicht genug: Anno 2007 entziehen sich nicht nur die Gymnasien, sondern sogar ein Großteil der Gesamtschulen – und zwar ausgerechnet die angesehensten. Denn auch sie bangen um die Akzeptanz bildungsinteressierter Eltern, die nicht wollen, dass ihre Kinder an einem Experiment teilnehmen. Anders ausgedrückt: Die Reformschulen von einst verraten die Reformidee von heute, obwohl hinter beiden derselbe Grundgedanke steht: Kinder möglichst lange gemeinsam zu fördern.

Hinter der Verweigerungshaltung der starken Gesamtschulen steht aber nicht nur die Angst, die abiturfähigen Kinder zu verlieren. Viele Lehrer misstrauen schlicht den finanziellen Zusagen der rot-roten Koalition, weil sie zu häufig erleben mussten, dass man sie mit Reformen allein ließ, indem man die versprochenen Mittel zu schnell stoppte. Und sie wissen, wie schwierig es ist, Kinder aller Begabungen in einem einzigen Klassenverband gerecht zu fördern. Deshalb hat man in den Gesamtschulen nach Leistung getrennte Kurse eingeführt, die es aber in den Gemeinschaftsschulen nicht mehr geben soll. Lehrer und Eltern fragen sich, wie das gehen kann. Und sie ahnen, dass es kaum möglich sein wird, so viel Fortbildung und so viel Personal zu bekommen, wie man für diese schwierige Art zu unterrichten brauchte.

Man könnte nun unken, dass das ganze Gemeinschaftsschulprojekt mit der Verweigerungshaltung der leistungsstärkeren Gesamtschulen und Gymnasien schon vor Beginn gescheitert sei, wie es die Opposition gerade tut, und dabei erneut das Hohelied auf das gute alte deutsche Schulsystem anstimmen. So einfach ist die Sache aber nicht. Ein Weiter-so mit der deutschen Dreigliedrigkeit geht schon deshalb nicht, weil alle internationalen Studien belegen, dass dieses System die soziale Herkunft der Kinder zementiert. Ein Weiter-so geht auch deshalb nicht, weil es die Schulen ermuntert, schwierige Schüler immer wieder „nach unten“ abzugeben – vom Gymnasium in die Realschule und von dort aus in die Hauptschule: ein Albtraum für Kinder und Eltern. Ein Weiter-so geht auch deshalb nicht, weil dieses System die Hauptschule impliziert, die nachweislich zu viele Kinder aufs Abstellgleis führt.

All diese Gründe sollten ausreichen, um sich das Projekt „Gemeinschaftsschule“ erst mal gelassen anzusehen. Zudem muss man sich fragen: Wem, bitte, sollte es schaden, wenn 22 Millionen Euro für Fortbildung, Schulkantinen und räumliche Verbesserungen ausgegeben werden, wie es Rot-Rot mit den Gemeinschaftsschulen vorhat? Niemand kann leugnen, dass Berlins Lehrer Fortbildungen nötig haben, und niemand wird bestreiten, dass die Schulen Kantinen brauchen, wenn sie bis in den Nachmittag Unterricht anbieten müssen.

Und wenn dann bis 2011 diese Millionen verbraucht sind und die Pilotphase vorbei ist, wird man merken: Die Gymnasien sind nicht verschwunden, die Spitzengesamtschulen auch nicht, aber es wird ein paar Verbünde aus reformfreudigen Grund-, Haupt-, Real- und Gesamtschulen geben, die Gemeinschaftsschulen bilden und damit den Kindern Gelegenheit geben, nach der sechsten Klasse zusammenzubleiben. Die Erfahrungen dieser Schulen können hilfreich sein, wenn Berlin sich auf den Weg macht, ähnlich wie Hamburg und viele andere Bundesländer die Hauptschulära zu überwinden. Denn darauf wird es ohnehin hinauslaufen. Jedes Land sucht dafür seinen eigenen Weg. Berlin nimmt diesen. Es ist kein Holz-, aber vielleicht ein Umweg, an dessen Ende nur noch das Gymnasium und eine weitere Schulform stehen wird.

Wie sie heißen wird? Bestimmt nicht „Gesamtschule“, denn die hat schon in den vergangenen 30 Jahren nicht wirklich überzeugt. Déjà vu.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben