Meinung : Gemüsebrühe für alle

„Hungern statt arbeiten“

vom 14. November

Wenn jeder von uns Arbeit verweigert, die er persönlich für nicht sinnvoll hält, oder die er als z.B. ökologisch oder ideologisch inakzeptabel einschätzt, bleibt bald nur noch „Gemüsebrühe für alle“.

Werner Strube, Berlin-Mitte

Nach über 35 Jahren als Manager und Unternehmer arbeite ich seit drei Jahren als Leiharbeiter in einem Callcenter. Nach der Insolvenz meines Unternehmens, für die mich nach einem Urteil des LG Berlin keine Schuld trifft, gab es auf dem Berliner Arbeitsmarkt kein besseres Angebot. So habe ich mich nach einem Monat Hartz IV gefreut, auf Vermittlung des Jobcenters die Zusage eines Callcenters zu erhalten. Selbstverständlich würde ich mich auch freuen, könnte ich Ausbildung und Berufserfahrung in meinen Arbeitsalltag einbringen, mehr als dies in einem Callcenter möglich wäre. Dabei ist die Arbeit in Callcentern anspruchsvoller, als viele Außenstehende es vermuten, aber im Vergleich zu anderen Jobs unterbezahlt. Die Aussage, Arbeitslose würden gezwungen, „völlig sinnentleerte“ Tätigkeiten zu verrichten und dies mit dem Beispiel der Vermittlung „stupider Jobs in Callcentern“ zu begründen, ist eine Beleidigung für hunderttausende Mitarbeiter in Callcentern. Unterbezahlt ja - stupide nein. Und wie bei allen Jobs, ob fair bezahlt oder nicht, profitiert jeder Mitarbeiter vom sozialen Umfeld, welches ihm nur ein Arbeitsplatz bieten kann. Wenn nun die Linken-Chefin Katja Kipping auch noch sieht, welchen Zumutungen Hartz-Betroffene ausgesetzt seien und die Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen in einem offenen Brief fordert, sich im Kabinett für eine Abschaffung des „brutalen Sanktionsregimes“ bei Hartz IV einzusetzen, wird es Zeit, dass ein Betroffener eine Lanze für dieses System bricht. Ein System, welches Gott sei Dank verhindern hilft, dass sich gesunde Menschen vor der Arbeit drücken und sich ihren persönlichen Streit als Mitglied einer Bürgerinitiative finanzieren lassen. Die wie ich täglich für über 12 Stunden ihre Hütte verlassen, um sich ihre Brötchen oder Gemüsebrühe selbst zu verdienen.

Berthold Schönhoff, Berlin-Zehlendorf

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