Meinung : Gen-Chips: Was Wissen schafft: Zweite Chance vom Gott der Gene

Alexander S. Kekulé

Jetzt ist der Mensch entziffert!", tönt es zum zweiten Mal innerhalb von acht Monaten. Noch einmal ziehen die Häupter des Humanen Genomprojekts und des ehemaligen Konkurrenten Celera feierlich in die Ruhmeshalle der Wissenschaft ein. Die Krönungszeremonie ist noch geschichtsträchtiger als bei der Generalprobe im vergangenen Juni. Nur wie die neuen Kleider des Kaisers aussehen, weiß noch keiner genau: Der letzte der 3,2 Milliarden Genom-Bausteine wird voraussichtlich erst im Jahre 2003 entschlüsselt sein.

Denen, die die Entwicklung bisher verschlafen haben, gibt der Gott der Gene eine zweite Chance. Die deutsche Wissenschaft hat also guten Grund zum Mitfeiern, auch wenn ihr Beitrag zum bedeutendsten Forschungsprojekt der Menschheit eher bescheiden ausfällt: Den Löwenanteil haben die Amerikaner geleistet, gefolgt von den Briten, die acht der 24 Chromosomen entschlüsselten. Die Franzosen können immerhin das Chromosom 14 als blauweißroten Eintrag in der Karte des Menschen markieren. Und die Deutschen ? Sie haben zwar Respektables zum Chromosom 21 beigetragen, für ein Fähnchen auf der Blaupause des Lebens reicht es jedoch nicht. Trotzdem kommen die 870 Millionen Mark der Bundesregierung für die Genforschung nicht zu spät: Die gerade veröffentlichte Genkarte enthält Überraschungen, die den Vorsprung der bisherigen Favoriten deutlich schrumpfen lassen. Die deutsche Biotech-Szene käme jetzt gerade rechtzeitig, um in der wissenschaftlich und wirtschaftlich profitablen Phase des Genom-Abenteuers einzusteigen.

Bis vor kurzem sah es so aus, als ob mit der Identifizierung und Patentierung der vermuteten bis zu 130 000 menschlichen Gene das Terrain abgesteckt sein würde. Bei so vielen Genen, so die Erwartung, müsste für jede Krankheit doch mindestens ein Patent drin sein. Die jetzt veröffentlichte Erkenntnis, dass für Wohl und Wehe des Menschen nur ganze 30 000 Gene verantwortlich sind, rückt die medizinische und kommerzielle Nutzung in weitere Ferne: Da jedes Gen mehrere Funktionen haben muss, ist das Zusammenspiel der von ihnen hergestellten Bio-Moleküle offenbar viel komplexer als bisher angenommen. Nicht die Gene, sondern die komplizierten Wechselwirkungen ihrer Produkte bestimmen über Gesundheit und Krankheit. Damit sind auch die forschungshemmenden Patente auf Erbinformation kaum noch haltbar. Viele bisher erfolgreiche Biotech-Firmen müssen ihre Geschäftspläne neu schreiben. Zu den Verlierern des Genom-Rennens gehört auch einer, der sich lange als Erster wähnte: Celera-Chef Craig Venter wird die Beute seines Eroberungsfeldzuges, den er mit DNS-Robotern gegen das staatliche Genomprojekt geführt hat, nicht kommerziell ausschlachten können.

Ob die deutsche Bio-Forschung zur Weltspitze aufschließt, hängt jedoch nicht nur von der Höhe der Zuwendungen ab. Schuld am Rückstand der früher als "Apotheke der Welt" gefeierten deutschen Medizin- und Pharmaforschung sind die verkrusteten Strukturen. Schwerfällige Universitäten, Forschungsorganisationen und Großforschungseinrichtungen haben Milliarden staatlicher Fördermittel vertilgt und trotzdem die Entwicklung verschlafen. Da verwundert es, dass die Forschungsministerin mit den 870 Millionen vor allem wieder die altbekannten Institutionen fördern will. Der private Biotechnologie-Sektor, der für die rasante Entwicklung in den USA und Großbritannien entscheidend verantwortlich ist, hat in Deutschland keine Lobby - und kommt in dem Programm bisher nur am Rande vor. Hier besteht dringender Bedarf zur Nachbesserung, denn eine dritte Chance für Schlafmützen wird es nicht geben.

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