Meinung : General ohne Truppe

Mladic ausliefern oder die EU verprellen? Belgrad steht vor einer heiklen Alternative

Albrecht Meier

Haucht der Nationalismus auf dem Balkan langsam sein Leben aus? Es wäre zu wünschen – genauso wie eine Auslieferung des mutmaßlichen Kriegsverbrechers Ratko Mladic an das UN-Tribunal in Den Haag. Bevor aber dies passiert, wird der serbische Regierungschef Vojislav Kostunica eine schwierige Rechnung aufmachen müssen: Lohnt es sich für ihn, dem Druck der internationalen Gemeinschaft nachzugeben und den ehemaligen Armeechef der bosnischen Serben preiszugeben? Oder ist das Risiko, das er dabei eingehen würde, zu hoch – das Risiko, von serbischen Nationalisten demnächst ins politische Abseits gestellt zu werden?

Dass in Belgrad in diesen Tagen genau gerechnet wird, darauf deuten die Nachrichten über eine angeblich bevorstehende Auslieferung Mladics nach Den Haag hin. Die USA haben Belgrad schon mit wirtschaftlichen Sanktionen gedroht, jetzt versucht auch noch die EU – auf Druck von UN-Chefanklägerin Carla del Ponte – ein wenig im Fall Mladic nachzuhelfen. Wenn Regierungschef Kostunica bei der Auslieferung Mladics nicht behilflich ist, kann sich Serbien-Montenegro die gewünschte Annäherung an die Europäische Union abschminken, heißt es aus Brüssel unmissverständlich.

Dieses Spiel mit Zuckerbrot und Peitsche hat auf dem Balkan schon einmal funktioniert, nämlich im Fall des kroatischen Ex-Generals Ante Gotovina. Als der im Dezember an das UN-Tribunal ausgeliefert wurde, gingen anschließend kroatische Extremisten auf die Straße. Doch die Regierung in Zagreb war hart geblieben – der EU-Beitrittsperspektive zuliebe. Schon seit Oktober verhandelt Kroatien mit Brüssel über einen Beitritt zur Europäischen Union.

Es wäre an der Zeit, wenn nun auch die Regierung in Belgrad einlenken und das jahrelange Versteckspiel Mladics beenden würde. Seit vor knapp elf Jahren im bosnischen Srebrenica 8000 Muslime ermordet wurden, trägt Mladic den Beinamen „Schlächter vom Balkan“. Das Haager Gericht muss endlich die Möglichkeit erhalten, das Ausmaß seiner Verantwortung für den Völkermord von Srebrenica und andere Kriegsverbrechen zu klären. Es wäre nur folgerichtig, wenn das UN-Tribunal neben dem ehemaligen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic auch über dessen früheren General Mladic urteilen könnte.

Denn bei allem Bemühen des Tribunals, Milosevics Rolle bei den Kriegsverbrechen auf dem Balkan zu erforschen, musste sich doch gerade den Menschen in Bosnien der Eindruck aufdrängen: Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen. Seit die internationale Staatengemeinschaft das vom Krieg zerrissene Land unter ihre Fittiche nahm, wurden zahlreiche Kriegsverbrecher aus Bosnien in Den Haag verurteilt. Aber es wirkt wie ein Hohn, dass ausgerechnet der ehemalige Befehlshaber Mladic ein Jahrzehnt lang unbehelligt blieb.

Seine Festnahme wäre nicht nur ein Zeichen für einen politischen Aufbruch in Belgrad. Sie würde auch das Glaubwürdigkeitskonto der internationalen Gemeinschaft auf dem Balkan gehörig auffüllen.

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