Generationenkonflikt : Zehlendorf: Hilfe, die Alten meckern!

Früher gab es die Null-Bock-Generation, heute hat sich in Zehlendorf die Null-Benimm-Version etabliert. Immer mehr Menschen über 60 vergessen, was Höflichkeit heißt. Und merken es nicht.

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Immer Ärger mit den Rentnern: In Zehlendorf droht möglicherweise ein Generationenkonflikt!
Immer Ärger mit den Rentnern: In Zehlendorf droht möglicherweise ein Generationenkonflikt!Foto: dpa

Der Teltower Damm in Zehlendorf ist eine verführerische Rennpiste für Autofahrer, und zwar genau an dem Stück, wo er an Schulen und Kitas vorbeiführt. Als ich die Geschichte einiger Herrschaften aus Zehlendorf las, die vor Gericht dagegen klagen wollten, dass hier Tempo 30 gilt, war ich fassungslos. Was ist das für ein Bezirk, in dem Menschen denken, sie müssten auf Kosten der Gesundheit von Kindern schneller Auto fahren?

Ich erinnerte mich an eine kleine Episode auf meiner Facebook-Seite. Freundin K. schrieb: "Generationenkrieg in Zehlendorf! Habe ungeschriebenes Gesetz gebrochen und bin mit Kinderwagen 20 Zentimeter von der Bürgersteigmitte abgekommen. Alte Frau in ohrenbetäubender Lautstärke: ’In Deutschland geht man RECHTS!’ Wieso fallen mir nie rhetorische Retour-Keulen ein? Wieso werden alte Leute so oft zu Ersatzpolizisten? Werden wir alle so?!"

M. antwortete: "Denk’ an Max Goldt und den Friedhof …, mir hilft das in ähnlichen Situationen, über diese Menschen zu lachen!"

Zehlendorf!? Generationenkrieg!?

Nachbarschaft trotz Stadtgrenze: Zehlendorf und Kleinmachnow
Die gemeinsame Geschichte der zwei Nachbargemeinden Zehlendorf und Kleinmachnow - diesseits und jenseits der Berliner Stadtgrenze – ist Thema einer Ausstellung, die von Dr. Nicola Bröcker, Andreas Jüttemann und Dr. Celina Kress in Zusammenarbeit mit dem Center for Metropolitan Studies der TU Berlin entwickelt wurde. So sah der Zehlendorfer Damm in Kleinmachnow um 1910 aus. Nur 21 Villen und Landhäuser entstanden in der Villenkolonie, die 1904 begründet wurde. Die ländliche Einsamkeit und der fehlende Bahnanschluss schreckten viele Ansiedlungswillige ab. Heute ist das kleine Gebiet der kaiserzeitlichen Villenkolonie das teuerste Wohnviertel Kleinmachnows.Weitere Bilder anzeigen
1 von 13Foto: Privatbesitz
18.01.2011 13:32Die gemeinsame Geschichte der zwei Nachbargemeinden Zehlendorf und Kleinmachnow - diesseits und jenseits der Berliner Stadtgrenze...

Was wissen Berliner, die nicht in dem Bezirk wohnen, über Zehlendorf? Die meisten denken: reich, grün, bürgerlich, langweilig. Wer weiß schon, dass man in Zehlendorf oft den Eindruck haben kann, dass sich Menschen über 60 gern freimachen von lästigen gesellschaftlichen Normen wie Benimm, Rücksicht, Höflichkeit? Höflichst möchte ich anfügen: Ja, auch Kinder, Jugendliche und Familien benehmen sich gegenüber älteren Menschen oft sehr unverschämt! Und: Ja, Verallgemeinerungen sind total abzulehnen! Ich habe mir für diesen Artikel sogar die Erlaubnis von meiner Chefredaktion und zweier mir namentlich bekannter Tagesspiegel-Abonnenten über 60 Jahre eingeholt. Aus Zehlendorf!

Zehlendorf ist ein schöner Bezirk, und er ist gar nicht so langweilig. Es gibt nur ein recht bedeutsames Unverhältnis von Jung und Alt, die größte Bevölkerungsgruppe sind die Über-65-Jährigen, sie stellen ein Viertel der Einwohner, knapp 80.000 Menschen. Leider glauben viele dieser geistig und körperlich total fitten Alten, die übrigens auch gerne noch Auto fahren, sie hätten sich diesen Bezirk sozusagen qua eigener Lebensleistung verdient, er gehöre irgendwie ihnen allein, weil sie ja auch in der Mehrheit sind. Vor allem Mütter fühlen sich hier manchmal ziemlich ohnmächtig. Anscheinend wollen die älteren Zehlendorfer nicht, dass der Bezirk jünger wird und Familien hat, die stören sie.

Früher gab es die Null-Bock-Generation, heute die Null-Benimm-Version der Älteren. Und so verhalten sie sich: Ein Kiosk, drei Leute davor, ein älterer Mann kommt hinzu, plötzlich steht er vorn. Junger Mann zum älteren: "Entschuldigung, ich stand vor ihnen." Älterer Mann: "Stimmt doch gar nicht." Junger Mann: "Doch." Älterer Mann: "Unverschämtheit, was unterstellen sie mir?"

An der Kasse in einem Supermarkt spielen sich regelmäßig merkwürdige Szenen ab. Alte Menschen flitzen von einer Kasse zur nächsten in der Hoffnung, dort könnte es noch schneller gehen. Sie haben es eilig, sie sind Rentner. Geht man nicht sofort weiter, wenn sich Platz auftut, drückt es von hinten, dreht man sich um, gucken diese Alten böse.

Foto: Kai-Uwe Heinrich
Foto: Kai-Uwe Heinrich

Überhaupt ist das Instrument des Pikiert-bis-böse-Guckens verbreitet: Eine Mutter fährt Fahrrad mit einem Sechsjährigen auf dem Gepäckträger, er hält sich an ihr fest: böser Blick einer Passantin. Vater steigt mit Kinderwagen in den Bus, älterer Mann sitzt dort, wo der Kinderwagen hin darf: pikierter Blick. Kind bekommt an der Fleischtheke ein Würstchen auf die Hand: böser Blick einer Dame, dann noch ein Satz, scharf wie das Fleischermesser: "Und die Hände ungewaschen." Kind, zwei Jahre, will einen Nuckel, eine ältere Frau kommentiert: "In DEM Alter!" Wieder im Supermarkt, alle Kassen voll. Alter Mann will in den Verkaufsbereich, er will aber durch eine volle Kasse gehen, statt ein paar Meter weiter durch den Eingang. Junge Kassiererin: "Bitte gehen Sie außen herum", Mann: "Nein, meine Frau wartet drinnen." Der Mann drängelt sich meckernd durch.

Max Goldts Episode geht übrigens so: Er wird auf dem Fahrrad von einem Senior angebrüllt, der mit dem erhobenen Finger auf die andere Seite zeigt: "DA ist der Radweg!" Max Goldt hebt umgehend selbst den Finger und ruft: "DA ist der Friedhof!"

Ich finde, das geht wirklich zu weit. Ihr Zehlendorfer, lasst uns doch mal in Ruhe reden! Anscheinend wollen die Rentner keine störenden Familien in ihrem Bezirk.

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