Meinung : Genforschung: Stammzellen und Stammwähler

Malte Lehming

Amerika kommt langsam, aber gewaltig. Mit erstaunlicher Verspätung hat in den USA die Moral-Debatte über die moderne Biomedizin eingesetzt. Inzwischen läuft sie auf Hochtouren, mitunter gar überhitzt. Kaum ein Tag vergeht ohne neue, spektakuläre Schlagzeilen: Menschliche Embryos zu Forschungszwecken gezüchtet; menschliche Embryos sollen geklont werden. Petitionen werden im Weißen Haus abgegeben, Werbesendungen im Fernsehen geschaltet, Wissenschaftler und Katholiken nutzen die Kontroverse, um ihr Klientel zu mobilisieren, Patientenorganisationen belagern den Kongress. Alle Register werden gezogen. Der Gegner ist entweder ein "Advokat des Teufels" oder ein "gefühlloser Prinzipienreiter", der das Leiden lebender Menschen zugunsten der Rechte eines "mikroskopisch kleinen Zellklumpens" aus dem Blick verliert.

Zum Thema Online Spezial: Die Debatte um die Gentechnik Seit mehreren Wochen denkt besonders der Präsident über das Problem nach, ob seine Regierung die Forschung mit embryonalen Stammzellen finanziell unterstützen soll. George W. Bush ist geradezu besessen von dieser Frage. Fast täglich spricht er sie gegenüber seinen Mitarbeitern an. Er weiß, dass dies die wichtigste Entscheidung seiner bisherigen Amtszeit sein wird. Wen soll er verprellen? Die religiöse Rechte, die den Stammzellen-Streit als Fortsetzung der Abtreibungs-Debatte führt? Die Wissenschaftler, über deren Ansichten er sich bereits beim Kyoto-Vertrag hinweggesetzt hat? Die Bio-Industrie, die in Amerika so groß ist wie sonst nirgends? Oder etwa die Verehrer Ronald Reagans, jenem 90-jährigen, unter Alzheimer leidenden ehemaligen Präsidenten? Menschen wie ihm könne mit der Stammzellen-Forschung geholfen werden, sagen dessen Freunde und drängen Bush, sich für die neue Wunderwaffen im Kampf um die ewige Gesundheit einzusetzen.

Der Präsident hat die Wahl zwischen falsch und verkehrt. Denn selbst das konservative Lager ist gespalten. Einige Abtreibungsgegner sind für die Stammzellen-Forschung, und entsprechend drastisch fallen die Warnungen der klassisch Konservativen aus. Hört er auf sie, werden ihm allerdings die moderaten Republikaner vorwerfen, endgültig ins rechte Lager abgedriftet zu sein. Immerhin wird die Stammzellen-Forschung von einer großen Mehrheit der Amerikaner unterstützt. Dass Bush außerdem am 23. Juli eine Audienz beim Papst im Vatikan hat, wird seinen Schlaf derzeit nicht tiefer werden lassen.

In der Natur des Problems liegt es, dass es keinen Kompromiss geben kann. Selbst wenn Bush beschließen sollte, nur die Forschung an bereits bestehenden Zelllinien zu fördern, würden die Gegner einwenden, er habe sich zum "Handlanger einer Industrie des Todes" gemacht, während die Bio-Mediziner einwenden würden, dies sei viel zu wenig. Wann sich Bush denn nun entscheide, wird sein Pressesprecher regelmäßig gefragt. "Bald", heißt es dann.

Doch so emotional aufgeladen, wie die Diskussion auch geführt wird - in ihrem Kern unterscheidet sie sich erheblich von der deutschen Debatte. In den USA geht es nicht um ein generelles Verbot, sondern lediglich darum, ob der Staat die Forschung fördert. Verboten ist in Amerika eigentlich nichts. Fünf Bundesstaaten haben zwar das Klonen von Menschen untersagt, aber sowohl die Stammzellen-Forschung als auch die Präimplantationsdiagnositik und selbst das Klonen sind so lange zulässig, wie keine öffentlichen Gelder dafür verwendet werden. Ob der Staat überhaupt die Möglichkeit hat, das Recht auf Reproduktionsfreiheit einzuschränken, ist umstritten. Das Streben nach Glück ist in der Verfassung verankert.

Dennoch deutet vieles darauf hin, dass die Moral-Debatte in den USA trotz ihrer Verspätung die globale Diskussion bestimmen wird. Gerade weil die Wissenschaft sich hier am weitesten entwickelt hat, treten die ethischen Probleme am deutlichsten in Erscheinung. Hinzu kommt eine Bevölkerung, die religiösen Argumenten gegenüber höchst aufgeschlossen ist. Angetreten war Bush als "compassionate conservative", als "mitfühlender Konservativer". Dass dies ein Widerspruch in sich sein könnte, führt ihm die Biomedizin jetzt drastisch vor Augen.

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