Meinung : Geniale Gewalt

Ariel Scharon war ein Stratege – auch im Kampf gegen den Terror Von Michael Wolffsohn

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Anders als oft wahrgenommen, war Ariel Scharon ein Stratege, kein Haudegen. Gewalt, Krieg war für ihn – ganz im Sinne von Preußens Clausewitz – ein politisches Mittel, kein Selbstzweck. Vielleicht war er sogar „der“ Clausewitz Israels. Das bedeutet: Den Einsatz von Gewalt schloss er nie aus, doch er ordnete selbst „seine“ schlimmste Gewalt dem politischen Zweck unter.

Berühmt und berüchtigt war er schon in den fünfziger Jahren als Kommandeur der Anti-Guerilla-Einheit 101. Überfälle aus dem damals von Jordanien völkerrechtswidrig beherrschten Westjordanland beantwortete er im Auftrag des sozialdemokratischen Gründervaters Israels, David Ben-Gurion, mit Totalvergeltung. Die politische Rechnung ging auf: Dieser Preis war den palästinensischen Guerillas sowie der Regierung Jordaniens zu hoch. So bekam Israel zwar keinen Frieden, doch lange Zeit mehr Ruhe.

Dem preußischen General York vergleichbar – ein Weggefährte von Clausewitz – griff Scharon höchst problematisch, doch erfolgreich 1973 während des Jom-Kippur-Krieges selbstständig in den politischen Prozess ein: Ohne Zustimmung der Regierung trug er mit seiner Truppe den Krieg auf ägyptisches Territorium und erweiterte damit Israels Manövrierraum. Kurz zuvor hatte er als Mitbegründer des Likud die Pragmatisierung der puristisch ideologischen Rechten Israels eingeleitet.

1977, damals waren in Israel Gespräche mit der PLO tabu, sagte Scharon: „Es kommt nicht darauf an, mit wem man spricht, sondern worüber.“ Das Camp-David-Abkommen, das Israels Premier Menachem Begin 1978 als „Kröte“ schluckte, eröffnete der PLO die Chance auf Autonomie im Westjordanland und Gazastreifen. Die PLO verspielte diese Gelegenheit, und Scharon trieb durch die von ihm konzipierte Siedlungspolitik den von den Palästinensern zu zahlenden Preis dramatisch hoch. Allerdings verbaute er – wörtlich – auch innenpolitisch viel Spielraum für territoriale Kompromisse. Operation gelungen, Patient gestorben.

Ähnlich 1982 der von Scharon politisch gelenkte Libanonkrieg. Zwar wurde die Diaspora-PLO aus dem nördlichen Nachbarland vertrieben, doch fortan formierte sich der Widerstand der Palästinenser im Westjordanland und Gazastreifen. Er eskalierte in der ersten und zweiten Intifada (1987–1993 und 2000–2005). Bei den Wahlen im Februar 2001 hieß denn auch der Wählerauftrag: Terror plus Guerilla, also die Intifada knallhart niederringen.

Scheinbar konzeptionslos erwiderte Scharon Gewalt mit reaktiver und präventiver Gegengewalt. Die meisten Kritiker erkannten nicht seine politische Strategie, mit der er – militärhistorisch wohl als erster und bislang weltweit einziger Staatschef – Guerilla und Terror besiegte: Die „zweite Wange“ hinhalten? Niemals, unmöglich! Wie die Terroristen blinde Gewalt ausüben gegen zahllose, unbeteiligte Zivilisten? Moralisch untragbar, politisch töricht! Deshalb: Gezielte Gewalt gegen die Drahtzieher des Terrors, sprich: ihre „Liquidierung“. Das bedeutete: Minimierung der gegnerischen Opfer, Maximierung der eigenen Schlagkraft.

Durch die von ihm errichtete Trennmauer zu den Palästinensergebieten entzog er den Terroristen außerdem ihr Ziel. Die Trennmauer wurde ein wirklicher „Schutzwall“, Tel Aviv ist heute kaum unsicherer als Madrid oder London. Dem militärisch besiegten Gegner bot er dann eine politische Perspektive, die Mosche Dayan bereits 1980 vorgeschlagen hatte: den totalen Rückzug aus dem Gazastreifen und Teilen des Westjordanlandes. Scharons Hoffnung: Den Palästinensern sei der Spatz in der Hand lieber als die Taube auf dem Dach.

Die Fortsetzung dieser Geschichte bleibt durch Scharons – zumindest politisches – Ende offen. Doch eines hat er erreicht: Aus einer scheinbar ausweglosen Situation hat er wieder ein politisches Problem gemacht, das sich ohne Gewalt lösen lässt.

Der Autor lehrt Geschichte an der Bundeswehruniversität München.

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