Meinung : Genie der Natur, natürliche Genies

Kinder können in frühen Jahren unglaublich viel lernen. Dazu muss aber ihre angeborene Neugier unterstützt werden

Hubert Markl

Wir brauchen über Erfolg und Spitzenleistungen im internationalen Wettbewerb gar nicht zu reden, wenn wir nicht die Menschen haben, die dazu befähigt sind, sich in ihm zu bewähren. Und obwohl es manche geben mag, die glauben, man könne den Bedarf einer Gesellschaft an solchen Frauen und Männern auch durch „creaming off“, also durch das Absahnen der Eliten anderer Nationen decken – wie dies ja vor allem den USA gerne unterstellt wird –, so täuschen sie sich damit in zweifacher Hinsicht. Wer nämlich nicht einmal für den eigenen Nachwuchs zu sorgen vermag, der hat auf längere Sicht auch zugewanderten Talenten nicht viel zu bieten, was sie anlocken könnte. Und wer meint, ohne Sorge für die Bildung der eigenen Kinder könne jener Wohlstand erblühen, der dann auch die Besten anderer Länder anzieht, der irrt sich ebenfalls. Denn Wohlstand für alle kann nur schaffen, wer seine Talente optimal entwickelt und nutzt.

Was wir gerne Breitenbildung nennen, hat nirgends mehr Berechtigung, ja zwingende Begründung als im frühen Kindesalter. Georg Christoph Lichtenberg hat dies vor langer Zeit überaus klarsichtig erkannt, indem er bemerkte: „Unglücklich, wer zu früh als Genie erkannt wird“, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Weil damit nämlich immer der Ausschluss anderer als nicht so ausgezeichnet angesehener Kinder einhergeht. Und weil die Treffsicherheit des Urteils für die allzu frühe Heraushebung von Wenigen so gering ist, dass eine Gesellschaft, die diesen Weg der Begabtenförderung geht, am Ende mit vielen fälschlich Bejubelten dasteht oder besser sitzen bleibt.

Aber warum sollen wir überhaupt so früh – schon im zarten Kindesalter – mit der Bildung beginnen? Nun, der Mensch braucht nun einmal aus ganz biologischen Gründen für jede Generation seine 20, 25 oder sogar 30 Jahre, und wenn wir wünschen, dass bei den 25-Jährigen eine innovationsfreudige, für Wissenschaft, Technik und Forschungsfortschritte begeisterungsfähige, wenn auch nicht unkritische Haltung vorherrscht – was gerade wir Deutsche gut brauchen könnten –, so sollten wir vielleicht schon bei den 5-Jährigen anfangen, sie darauf vorzubereiten.

Am Anfang und im Zentrum dessen, was junge Menschen erfolgreich ins Leben hineinführen, also lebenstüchtig machen lässt, muss Charakterbildung stehen. Das ist ein Begriff, der vielleicht etwas altfränkisch klingen mag, den ich der heute so oft berufenen „Werteerziehung“ aber vorziehe. Denn es bringt gar nichts, wenn man – noch dazu ganz ungenau definierte – Werte anerzieht, an die sich leider meist weder Erzieher noch Erzogene halten –, sonst gäbe es nicht so viele Anwälte, die ihre Rechtskenntnis vor allem dazu einsetzen, dass Lumpen ungestraft ihre Gaunereien begehen können.

Charakterbildung zielt auf etwas anderes. Sie hat vor allem mit Ehrlichkeit, Anstand, Lebensmut, Lebensfreude, Selbstvertrauen und auch der Fähigkeit zu tun, zugleich anderen zu vertrauen, wie für sie vertrauenswürdig zu sein. Dies steht deshalb am Anfang, weil solche lebensbejahenden, vertrauenserweckenden Eigenschaften besonders gut in einem gefestigten, vertrauenbestärkenden menschlichen Verbund gedeihen, für den der stabile Kreis von Familie und Freunden immer noch die beste Grundlage ist. Diese Eigenschaften stehen aber auch am Ende einer Kindesentwicklung im Vordergrund, weil es jungen Menschen am besten gelingt, sich auf Neues – im Denken, im Wissen, im Handeln – einzulassen und sich in ganz neue Lebenszusammenhänge zu wagen, wenn sie ein Grundvertrauen trägt, dessen Wurzeln in ihren frühesten Erfahrungen liegen.

Solch kindliches Selbstvertrauen und solch kindliche Gemeinschaftsfähigkeit benötigen aber von früh an genauso die Neugier auf alles Neue – mit der uns unsere Primaten-Natur meist reichlich versehen hat –, verbunden mit der Anstrengung, es zu suchen, zu erkennen und zu meistern – also Disziplin – und eine schier unerschöpfliche Lernbegier, wie sie fast schon als das Markenzeichen des heranwachsenden Homo sapiens bezeichnet werden kann.

Gewiss, auch andere Lebewesen lernen viel und schnell und vor allem im Jugendabschnitt ihres Lebens eifrig und gezielt. Aber gegenüber dem fast unstillbaren Lernbedürfnis unserer Spezies bis ins Erwachsenenalter hinein – bei guten Wissenschaftlern fast bis ins Greisenstadium – verhält sich dies wie blasse Morgenröte zu hellem Sonnenschein. Kommt dazu noch die nimmer ermüdende Spielfreude und eine fast beständige Neuerungssucht, die uns ebenfalls von Natur aus eigen ist, so sind in solcher Charakterentfaltung schon alle jene Eigenschaften vereint, die wir als Grundvoraussetzung jeder Kreativität erkennen.

Ich muss gestehen, dass es mir als Lehrer junger Menschen häufig viel weniger wichtig schien, was eine oder einer an konkretem Sachwissen gleich welcher Art mitbringt, als ob sie jene prägenden und tragenden Wesenseigenschaften besitzen, die es ihnen leicht erlaubt, sich neuen geistigen Herausforderungen zu stellen und auf neuen Gebieten schnell zurechtzufinden, weil sie nämlich mit Neugier, Mut und Disziplin an sie herangehen können. Fast wie Robinson können sie – auf jeder Lebensinsel ausgesetzt und freigelassen – aus eigenen Kräften dafür sorgen, dass sie damit zurechtkommen und sich in fremder Umgebung schnell auskennen. Und oft benötigen sie „Freitag“ – den Helfer und Mentor – vor allem, um ganz sie selbst werden zu können.

Ich gestehe natürlich auch sofort gerne, dass ich wenig davon weiß, wie gute Eltern und tüchtige Erzieher es zustande bringen, ein ständig fröhlich oder missmutig krähendes Bündelchen Menschenleben zu solchen tatkräftigen, lerneifrigen und neuerungslustigen Figuren werden zu lassen, als die sie die Alma Mater dann gerne in Empfang nimmt, obwohl sie diese doch weder hervorbringen noch erziehen könnte. Aber dass es wenig oder gar nichts gibt, was Eltern und Erzieher einem Kleinkind mit mehr Folgewirkung für ein gelingendes Leben mitgeben können, als eben diese Charakterbildung, darüber bin ich mir sehr sicher.

Von diesen, fast „infrastrukturellen“ Voraussetzungen für Geist und Gemüt, führt jedoch ein sehr kurzer Weg zu jenen viel spezifischeren Anforderungen und Fähigkeiten, um die sich frühkindliche Erziehung allein deshalb intensiv zu kümmern hat, weil auch der schönste Rahmen ohne Gemälde noch lange kein Bild, geschweige denn ein Kunstwerk ergibt. Dabei dreht sich von frühestem Anfang des kindlichen Lebens eigentlich alles um Sprache und Spracherwerb als Tür zum Weltverständnis und Kommunikationsvermögen – mündlich und schriftlich – als Weg zur aktiven Einflussnahme auf die soziale Umwelt jeden Kindes.

Es gehört zu den bis heute kaum erklärbaren Unglaublichkeiten unserer Natur, dass jedes einigermaßen gesunde Kind in wenigen Jahren zu sprechen und Sprache verstehen zu lernen vermag. Das reicht von Sanskrit mit 800 Verbformen bis zu den afrikanischen Sprachen mit nicht nur zwei oder drei so genannten „Geschlechtern“, sondern Dutzenden von Substantivklassen; vom isolierenden Chinesisch ohne jede Flexion, bis zum „agglutinierenden“ oder „polysynthetischen“ Türkisch oder Eskimo, die in ein ellenlanges zusammengehängtes Wort einen ganzen Komplexsatz fassen können.

Dass x-beliebige Dreijährige auf der ganzen Welt jede beliebige dieser 7, 8 oder gar 10 000 Sprachen und ungezählte Aussprachedialekte davon, sogar das Altbairische, begierig und weitgehend fehlerfrei erlernen, das ist zwar auch nicht wunderbarer als die Evolution einer Schwalbe, einer Biene oder einer Orchidee, aber ganz schön wunderbar bleibt es doch, selbst dann, wenn es einmal auch wissenschaftlich ganz erklärbar werden sollte.

Ich hebe dies heraus, weil nicht nur sein Sprachlern- und Sprechvermögen jedes Homo-sapiens-Baby erst zum wirklichen Menschen macht, (stumme und taube Menschen ausgenommen, die deshalb zwar genauso menschlich bleiben, die aber, wenn es nur solche Menschen gäbe, wohl die menschliche Kulturrevolution niemals ermöglicht hätten), sondern weil jede frühkindliche Bildung immer bei dem ansetzen muss, was angeborenermaßen jedes Menschenkind mitbringt. Es ist doch seltsam, dass wir uns im Kultiviertheitsdünkel des bildungsdurchgestylten Westeuropäers so gar nicht darüber wundern, dass selbst das einfachste, ungebildetste Kind aus den Slums der Dritten Welt reden kann wie ein Wasserfall – und das oft sogar in mehreren Sprachen!

Da zudem jedes Kind in dieser höchst sprachgeöffneten Phase seines Lebens die Fähigkeit hat, nicht nur seine Muttersprache, sondern auch eine Zweitsprache, zum Beispiel das Englische, spielerisch mitaufzunehmen, kann die Vor- und Grundschulperiode geistig höchst förderlich zu solchem Mehrspracherwerb genutzt werden. Vergessen wir nicht, dass solche Mehrsprachigkeit bei vielen Mischvölkern seit Jahrtausenden gang und gäbe ist, und auch nicht, dass schon heute zahlreiche Migrantenkinder unter Bedingungen heranwachsen, die sogar eine Dreisprachigkeit eher alltäglich macht als eine klassische Sprachmonokultur, die manche von uns für normal halten mögen. Dem kleinen Köpfchen schadet dies nicht, es kommt ihm in seiner Entwicklung, wenn einfühlsam nahe gebracht, nur rundum zugute, damit es auch von früh an zu einem klugen Köpfchen werden kann.

Dies auch deshalb, weil uns die PISA-Studie – wie andere Erkundungen vor ihr – einmal mehr eindrücklich gelehrt hat, dass auch das zweite, große geistige Erziehungsfeld, das mathematisch-logisch-rational-naturwissenschaftliche Denken – selbstverständlich auf kindgerechtem Niveau – enorm von gelungener Sprachförderung gewinnen kann (und vermutlich vice versa auch). Da rationales Denken und experimentierendes, technisches, problemlösendes Können auf das Engste verknüpft sind – vor allem durch unser Kausalitätsverständnis –, gewinnt das bildsame Kind, richtig geführt, zugleich kognitives Weltverständnis und motorisch-manuelles Gestaltungsvermögen. Übermäßig geschonte, verwöhnte Kinder sind keineswegs besonders glückliche Kinder, sondern eher arme Schlucker, denen die erste Voraussetzung glücklichen Lebens vorenthalten wurde: eigener Kraft vertrauen zu lernen und mit eigenen Kräften Erfolge zu erleben.

Mir bleibt aber noch eine, die frühkindliche Bildungslandschaft ausweitende Facette anzusprechen, ohne die schwerlich jene Menschen heranwachsen können, die wir im späteren Erwachsenenleben als besonders originelle, innovationsfähige Frauen und Männer erkennen. Es geht dabei um die Förderung musischer und die Körper übender Bildungsbereiche. Es ist ein Gemeinplatz, dass Kinder geborene Künstler und geborene Akrobaten sind: Darin drückt sich nur ihr natürlicher Drang aus, ohne vorgefasste Meinungen und Hemmungen alle ihre angeborenen Fähigkeiten zu erproben. Musische Bildung und sportliche oder tänzerische Übung genauso wie spirituelle Erfahrungen sind daher für Kleinkinder (wie übrigens in späteren Jahren genauso) nicht etwa eine Art Ausgleich zur verkopften kognitiven Rationalität, eine Art emotionaler Auslauf für das überangestrengte Denken.

Das Aufspüren der jedem Kind eigenen Befähigungen, sich auch anders als nur sprechend auszudrücken, ihm zu ermöglichen, die Grenzen seiner körperlichen Leistungsfähigkeiten zu erfahren, ist etwas viel Wichtigeres: Es ist die Erfahrung, dass jeder Mensch viele Perspektiven seiner Persönlichkeitsentfaltung hat, dass das kreative Vermögen sich keineswegs in den „Symboltechnologien“ von Sprache und rechnerischer Abstraktion erschöpfen muss, dass es vielmehr mannigfache Querbezüge der Lockerung eigener Potenziale gibt, die einen jeden Menschen zu einem kleinen – und manche dann zu sehr großen – Schöpfern ihres eigenen Lebens werden lässt, allein und noch mehr in Gemeinschaft und im Wettbewerb mit anderen.

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