Genmais : Wir Kolbenfresser

Genmais ist natürlich, pestizidarm, ertragreich und bekömmlich. Doch eine mächtige Lobby bekämpft ihn erbittert – warum?

Hartmut Wewetzer

Es geschieht, wenn Sie in ein saftiges Steak beißen, sich einen Apfel schmecken lassen oder eine Fischsuppe schlürfen: Fremdes Erbgut in Form von DNS entert Ihren Körper. Nimmt man alles zusammen, was der Mensch so am Tag isst und trinkt, kommt man auf bis zu ein Gramm DNS. Das bedeutet, dass wir täglich viele Billionen fremder Gene in uns aufnehmen. Ganz abgesehen von den unzähligen Bakterien und Pilzen, die unseren Körper besiedeln und die nach nichts anderem trachten, als ihre Gene zu vermehren. Gene allerorten.

So viel steht fest: Gene sind etwas völlig Normales. Kein Leben ohne Gene. Sie enthalten die Rezepturen des Lebens. In gewisser Hinsicht sind sie das Natürlichste, was es überhaupt gibt. Doch in Deutschland ist das Wort „Gen“ zum Schimpfwort geworden. „Genfood“ und „Genmais“ heißen die Schlagworte. Der Streit um die Zulassung genetisch veränderter Nutzpflanzen ist neu entbrannt. Ein endloses Tauziehen zwischen Welthandelsorganisation, EUKommission, Ministerien und Behörden ist die Folge. Jenseits der juristischen Dimension geht es um etwas anderes: einen Glaubenskrieg um die Zukunft der Landwirtschaft.

Bleiben wir beim „Genmais“. Er besitzt ein zusätzliches Gen, das ihn widerstandsfähig gegen Insektenschädlinge wie den Maiszünsler macht. Der Mais produziert seinen Pflanzenschutz gewissermaßen selbst. Trotzdem sind Umweltgruppen wie Greenpeace oder der „Bund“ ebenso wie die Grünen und Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) erklärte Gegner der grünen Gentechnik. Sie wollen, dass der von der Firma Monsanto angebotene schädlingsresistente „Genmais“ nicht in Deutschland angebaut wird.

Selbst die CSU ist auf einen Anti-Gentechnik-Kurs eingeschwenkt. Die grüne Gentechnik bringe „keinen erkennbaren Nutzen“, argumentierte die Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner, noch schärfer äußerte sich ihr Parteikollege, der bayrische Umweltminister Markus Söder („Das moderne Bürgertum will keine gentechnisch veränderten Lebensmittel“). Der Schwenk erstaunt umso mehr, als die Partei bislang nicht als Kritikerin von Technik und Wissenschaft aufgetreten ist. In Bayern hat sie kein Problem mit Kernenergie, Chemiefabriken, Auto- oder Rüstungsindustrie. Nur der Mais soll draußen bleiben.

Die Geschichte der Pflanzenzüchtung beginnt vor 10000 Jahren. Damals begannen die Menschen sesshaft zu werden. Sie zähmten Tiere und züchteten Pflanzen. Um beim Mais zu bleiben: Ureinwohner im Süden Mexikos waren es, die vor 9000 Jahren eine unscheinbare Graspflanze namens Teosinte kultivierten. Der moderne Mais sieht seinem Urahn Teosinte so wenig ähnlich, dass die Abstammung bis vor wenigen Jahren umstritten war.

Wer züchtet, überlässt die Natur nicht mehr sich selbst, sondern manipuliert sie. Nur jene Tiere oder Pflanzen werden vermehrt, die die erwünschten Eigenschaften haben. So gesehen waren die Steinzeitbauern die ersten Gentechniker. Über die Jahrtausende entwickelten sich vom Menschen geprägte Kulturlandschaften.

Züchtung bedeutet Veränderung des Erbguts, Mutation. Anfang des 20. Jahrhunderts beschleunigte sich dieser Prozess. Forscher bestrahlten Saatgut oder behandelten es mit erbgutverändernden Chemikalien, um Mutationen zu erzeugen – mit Erfolg. Etwa 70 Prozent unserer heutigen Feldfrüchte verdanken sich einem solchen Ereignis. Biobauern haben damit, anders als mit der heutigen Gentechnik, keine Probleme.

Die Geschichte der modernen Pflanzen-Biotechnik geht zurück bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts. Damals gelang es erstmals, neue Gene in einen lebenden Organismus einzuschleusen. Diese Technik wurde immer weiter perfektioniert. Zudem ist die Entzifferung kompletter Erbgutsequenzen von Pflanzen, also von Genomen, ein entscheidender Schritt, um die Lebens- und Stoffwechselprozesse zu verstehen. Der Mais ist durchsichtig geworden.

Mit Hilfe der grünen Gentechnik ist es heute möglich, Pflanzen gezielter und rascher als bisher jene Eigenschaften zu geben, die erwünscht sind. Also etwa die Widerstandsfähigkeit gegen Schädlinge wie die gefräßigen Raupen des Maiszünslers, oder aber größere Erträge oder gesündere Inhaltsstoffe. Die Holzhammermethoden früherer Züchtergenerationen lassen sich durch mikrochirurgische Eingriffe im Pflanzenerbgut bislang zwar nicht ersetzen, aber doch wirksam ergänzen. Statt Tausende von Genen durcheinanderzuwirbeln, werden nur wenige verändert oder eingefügt.

Innerhalb weniger Jahre begann ein Siegeszug der gentechnisch veränderten „transgenen“ Pflanzen. 2008 wurden weltweit bereits auf 125 Million Hektar gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut, Tendenz steigend. Das entspricht etwa dem Dreieinhalbfachen der Fläche Deutschlands und ist mehr als die gesamte Ackerfläche Europas. Überwiegend werden Soja, Mais und Baumwolle angepflanzt.

Nord- und Südamerika, Indien und China sind die Hauptanbaugebiete. In Europa herrscht dagegen weitgehend Gen-Brachland. Der Grund ist eine einflussreiche Opposition gegen die Pflanzen-Biotechnik. Ihr gelang es, den Anbau transgener Pflanzen weitgehend zu blockieren. Auch Afrika hat sich dem Boykott angeschlossen, mit Ausnahme Südafrikas und neuerdings von Burkina Faso und Ägypten.

„Wovor haben wir Angst?“ fragte die Entwicklungsbiologin und Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard kürzlich in einer Rede. Kein einziger Fall sei bestätigt worden, der einen durch grüne Gentechnik auf die Menschen und die Umwelt verursachten Schaden dokumentiere. In der Pflanzenzüchtung habe die Gentechnik „ein noch unausgeschöpftes Potenzial für den ökologischen Landbau, für verbesserten Umweltschutz, die Erhaltung der Artenvielfalt und für die Gesundheit“.

Nüsslein-Volhards Worte werden bei vielen Deutschen auf Unverständnis stoßen. Haben nicht etliche Medien hierzulande berichtet, die „Genpflanzen“ seien überflüssig und bedenklich? Ein legitimer Anlass für Gruselattacken? Aber die Tübinger Wissenschaftlerin ist nicht übergeschnappt, sondern hat lediglich die aktuelle Faktenlage wiedergegeben. Die wichtigste Erkenntnis nach mehr als zehn Jahren intensiver Nutzung: Die Pflanzen-Biotechnik stellt kein neues, bislang ungekanntes Risiko dar. Im Gegenteil, die größere Präzision bei der Züchtung und die schärferen Kontrollen machen sie sogar sicherer.

Transgenes Saatgut ist teurer als herkömmliches. Trotzdem entscheiden sich immer mehr Landwirte für den Anbau. Ein Grund ist der geringere Bedarf an Pestiziden, wie das Beispiel China zeigt. Gentechnisch veränderte Baumwolle führte dort zu einem deutlichen Anstieg der Erträge und zu einem drastischen Rückgang des Pestizidverbrauchs. Das Ergebnis war höherer Profit – und 75 Prozent weniger Vergiftungen durch Insektenschutzmittel und damit auch weniger Todesfälle unter den chinesischen Baumwollfarmern.

Ein anderer Vorteil: Weil gentechnisch veränderter Mais von Insekten weniger angefressen wird, wird er auch seltener von gesundheitsschädlichen Pilzen befallen. Was die Folgen des Anbaus für die Umwelt angeht, unterscheiden sich diese nicht grundsätzlich von dem konventioneller Pflanzen. Unterm Strich lässt sich nicht nur sagen, dass die Landwirte besser mit ihnen verdienen, sondern es werden auch chemische Pflanzenschutzmittel eingespart und es gelangen weniger Treibhausgase in die Atmosphäre.

Transgene Pflanzen lösen nicht alle Probleme der Landwirtschaft oder Ernährung, aber sie können einen Beitrag leisten. Umso mehr erstaunt, mit welchem Fanatismus Anti-Gentechnik-Aktivisten diesen Zweig der Landwirtschaft bekämpfen – bis hin zum Verwüsten von Versuchsfeldern und damit dem Zerstören oft jahrelanger wissenschaftlicher Arbeit. Tobt sich hier das von Söder umworbene „moderne Bürgertum“ aus?

Immer wieder gab und gibt es Studien mehr oder minder guter Qualität, auf die sich die Kritiker stützten. So hieß es, der „Genmais“ würde den Monarchfalter, einen in Amerika legendären Schmetterling, gefährden. Ein andermal wurde behauptet, „Genpflanzen“ könnten neuartige Allergien hervorrufen, die Resistenz von Krankheitserregern gegen Antibiotika fördern oder Superunkraut erzeugen.

Ein britischer Forscher stürzte das Vereinigte Königreich gar in eine Hysterie über „Frankenfood“ („Frankenstein-Nahrungsmittel“), als er vorschnell behauptete, Ratten vertrügen transgene Kartoffeln nicht. Selbst am Bienensterben sollten „Gen-Pollen“ schuld sein. Zwar erwiesen sich all diese Vorwürfe als nicht stichhaltig, aber die Saat der Angst ging auf.

Es ist absurd: Je mehr den Gegnern die Argumente abhandenkamen, umso radikaler wurden ihre Forderungen und umso größer ihr politischer Einfluss. Und die deutsche Politik tut heute ihr Bestes, um es den Gentechnik-Kritikern so weit wie möglich recht zu machen. Mit immer neuen Auflagen und Bestimmungen wurde die Entwicklung der Pflanzen-Biotechnik zumindest in Deutschland weitgehend verhindert. So soll Getreide aus herkömmlicher Zucht vor der „Kontamination“ durch „artfremde“ Pollen um jeden Preis geschützt werden. „Artfremd“ – ein interessanter Ausdruck. Er stammt von Alois Glück, Vorsitzender der CSU-Grundsatzkommission. Ist es dennoch zur Verunreinigung durch „artfremdes“ Leben gekommen, wird Schadensersatz fällig.

Für die Kritiker geht es darum, den „Gen-Dreck“ aus der Welt zu schaffen. Harmlose Maiskolben sind in ihren Augen längst zu Streitkolben mutiert, mit denen Saatgut-Multis die Welt unterjochen wollen. Und weil die meisten Wissenschaftler anderer Meinung sind, werden sie kurzerhand zu Bütteln der Industrie erklärt. Wo die Tatsachen nicht passen, werden sie eben passend gemacht.

Einiges spricht dafür, dass es sich bei der Anti-Gentechnik-Lobby um eine quasireligiöse Bewegung handelt. Der Schriftsteller Michael Crichton brachte das 2003 auf den Punkt. „Heute ist der ,Umweltismus’ (environmentalism) eine der mächtigsten Religionen der westlichen Welt“, sagte Crichton in einer Rede. In der sehnsuchtsvollen Vorstellung der „Umweltisten“ existierte in ferner Vergangenheit ein Garten Eden, in dem der Mensch in Einheit mit der Natur lebte. Das Essen vom Baum der Erkenntnis ließ die Zivilisation und mit ihr die Umweltverschmutzung entstehen. Der moderne Mensch ist nur zu retten, indem er in den Schoß der Natur – sprich: den ökologischen Landbau – zurückkehrt. Wie es sich für eine Religion gehört, ist die Welt in Engel und Dämonen aufgeteilt. Hier die gute Öko-Landwirtschaft, dort die böse Gentech-Agroindustrie.

Deutsche Politiker argumentieren gern damit, dass „die überwältigende Mehrheit“ der Bevölkerung gegen die grüne Gentechnik sei. Ganz abgesehen davon, dass diese Mehrheit nicht gar so überwältigend ist (der aktuelle Stand liegt bei unter 60 Prozent) – den meisten Menschen ist, anders als den Umweltisten, die Gentechnik herzlich egal. Sie wollen ganz einfach sichere, preiswerte und gesunde Nahrungsmittel, notfalls auch ohne Gene. Weil die Gentechnik ein schlechtes Image hat und Produkte „mit“ Gentechnik bislang keinen offenkundigen Vorteil bieten, fallen sie in Umfragen eben durch.

In Deutschland und Europa sind Lebensmittel im Überfluss vorhanden, die Zeiten des Mangels vergessen. Und Produkte aus genetisch veränderten Nutzpflanzen, die einen direkten gesundheitlichen Vorteil für den Verbraucher bringen, wie bekömmlicheres Sojaöl oder Getreide, das weniger Allergien auslöst, brauchen Zeit, wenn sie denn überhaupt zugelassen werden. Aber der Klimawandel, der Bedarf nach besseren Energiepflanzen und die wachsende Weltbevölkerung sind Probleme, bei deren Lösung die Pflanzen-Gentechnik helfen kann. Oder, um mit dem amerikanischen Agrarwissenschaftler Norman Borlaug zu sprechen: „Wir brauchen sowohl die herkömmliche Züchtung als auch biotechnische Methoden, um die Herausforderungen dieses Jahrhunderts zu meistern.“

Borlaug, mittlerweile fast 95, muss es wissen. Er war die treibende Kraft hinter der „grünen Revolution“, mit der in den 1960er und 70er Jahren eine Hungerkatastrophe in Entwicklungsländern wie Indien und Pakistan verhindert wurde. Millionen von Menschen verdanken ihm ihr Leben. Es wäre töricht, Borlaugs Rat in den Wind zu schlagen.

Nachtrag:

 

Am 14. April 2009 verbot Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner den Anbau von gentechnisch verändertem Mais der Sorte Mon810. Es gebe „Grund zu der Annahme“, dass der Mais eine „Gefahr für die Umwelt“ darstelle. Das Verbot wurde am 4. Mai vom Verwaltungsgericht Braunschweig sowie am 29. Mai vom Niedersächsischen Oberverwaltungsgericht bestätigt. Damit darf 2009 in Deutschland kein Mais der Sorte Mon810 angebaut werden.


 





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