Meinung : Gentechnik: Der Kampf um das letzte Geheimnis

Der Mensch ist ein stolzes Wesen. An seinem Bild von sich und der Welt darf man nicht kratzen. Sonst ist er gekränkt. Ein gekränkter Mensch jedoch wird wütend. Er wehrt sich gegen die Kränkung. Er streitet ab, dass sein Weltbild den Wandlungen der Zeit unterliegt. Weil er selbst sterben muss, sollen wenigstens seine Überzeugungen von Dauer sein. Unsicherheit lässt ihn schwindelig werden. Wissenschaftliche Entdeckungen haben dieses Schwindelgefühl befördert. Als es hieß, die Erde sei eine Kugel, die sich um die Sonne dreht, wähnten sich die Menschen aus dem Zentrum des Universums verbannt. Als es hieß, Mensch und Affe hätten gemeinsame Vorfahren, war die Schöpfungsgeschichte gefährdet. Als Sigmund Freuds Werke erschienen, sah der Mensch sich als Opfer seiner Triebe und seines Unterbewusstseins. Und seitdem die Atombombe erfunden wurde, gruselt es ihn vor der Möglichkeit, die eigene Gattung vernichten zu können.

Zum Thema Online Spezial: Die Debatte um die Gentechnik Vor 20 Jahren wurde der erste Mensch im Reagenzglas gezeugt, vor vier Jahren das erste Schaf geklont, in diesem Jahr das Genom entziffert. Durch die Fortschritte in der Biomedizin fühlt sich der Mensch heute erneut bedroht. Das Wunder der Zeugung wird entzaubert. Das langsame Heranwachsen eines Embryos im Mutterleib ist nicht mehr notwendige Bedingung der Menschwerdung. Der Begriff der Einzigartigkeit wird scheinbar entleert. In den Bereich des bisher Schicksalhaften zieht die Machbarkeit ein. Religiöse Mythen werden profanisiert. Und wieder wehrt sich der gekränkte Mensch. Wieder erschreckt er vor den Resultaten seiner eigenen Wissbegier. Wieder versucht er, sich selbst Grenzen zu setzen, weil er zu spüren meint, wie gefährlich die Allmacht ist. In der großen Debatte über die Biomedizin vergewissert sich der verunsicherte Mensch erneut seiner eigenen Identität. Das ist in Deutschland nicht anders als in den USA.

Die Unterschiede zwischen beiden Ländern stecken eher im Detail. Fortschrittsskepsis an sich gibt es in Amerika kaum. Wann immer sich das individuelle Glück steigern lässt - das jeder Amerikaner ungehindert anstreben darf, weil das Recht darauf in der Verfassung verankert ist -, wird es getan. Deshalb ist dort die Präimplantationsdiagnostik erlaubt und wird zunehmend praktiziert. Deshalb wird mittels Genmanipulation der Ertrag und die Qualität von Nahrungsmitteln gesteigert. Deshalb wird es kein Verbot der Forschung an embryonalen Stammzellen (ES) geben.

Der Wert der Freiheit, in all ihren zum Teil beängstigenden Formen, wird in Amerika sehr hoch angesiedelt. Jeder Mensch genießt dort auch das Recht auf Reproduktionsfreiheit. Das heißt, der Staat hat im Prinzip niemandem vorzuschreiben, wie er sich fortpflanzt. Insofern ist das Abstimmungsergebnis im US-Repräsentantenhaus, das sich am Dienstag für ein äußerst umfassendes Klonverbot von Menschen ausgesprochen hat, eine kleine Sensation. In die Gen-Debatte hat sich damit zum ersten Mal die amerikanische Legislative auf Bundesebene eingeschaltet. Zwar ist es fraglich, ob der Senat diesem Gesetzentwurf zustimmt, und zweifelhaft, ob ein entsprechendes Gesetz vor dem Obersten Gericht bestehen würde. Aber ein deutliches Zeichen dafür, wie tief die Kränkung des menschlichen Selbstwertgefühls durch die Möglichkeiten der Biomedizin auch in Amerika reicht, ist der Beschluss allemal.

Noch ein Zweites hat das Votum gezeigt: Moralisch gibt es offenbar einen wichtigen Unterschied zwischen manipulativen und reproduktiven Technologien. Beim Klonen wird manipuliert. Das wird allgemein als illegitimer Eingriff empfunden. Bei der ES-Forschung dagegen, so lange die Forscher auf bereits vorhandene Embryonen zurückgreifen, sind die Einwände eher formal-ethischer Natur. Daher werden sie von einer großen Mehrheit der Amerikaner nicht geteilt. Ihren Common Sense haben sie sich bewahrt. Selbst Evangelikale und Katholiken befürworten in überwiegender Zahl die ES-Forschung. Wer dies als "Sozialdarwinismus" geißelt, wie es der Ex-Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft in Deutschland tat, wäre in Amerika diskreditiert. Wer weiß, vielleicht sitzen auf dem alten Kontinent die Kränkungen dann doch noch tiefer.

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