Meinung : Gentechnik: Die Freiheit, Grenzen zu ziehen

Bernd Ulrich

Auch wer schon einige Jahrzehnte auf Deutschland schaut, erlebt immer wieder Überraschungen, sogar positive. Die Debatte über die moralischen Folgen der Gentechnik ist eine davon. Wenn der Bundestag heute darüber diskutiert, wird man es erleben: Binnen kurzem haben sich die Eliten beachtliche Kompetenz über so fremde Dinge wie PID und Stammzellen erworben.

Und was noch mehr verblüfft: Es geht immerhin um die Frage, von wann an ein Mensch Mensch ist, also um Fundamentales, genau genommen um Unverhandelbares. Gemessen daran ist es ein kleines Wunder, wie gemäßigt und zivilisiert in unserem zum Prinzipiellen neigenden und der Apokalypse zugewandten Land diskutiert wird. Hier zieht nicht das finstere Mittelalter gegen eine noch dunklere Zukunft zu Felde, hier geht es nicht um Gut gegen Böse, sondern einzig um moralische Dilemmata.

Viele, die in den letzten Jahren mitstritten, haben eine wichtige Erfahrung gemacht: Die Parallelen treffen sich im Unendlichen; am Ende eines langen Abends kann der Skeptiker plötzlich euphorisch werden, während den Euphoriker tiefe Zweifel überfallen. Man kann sich in den anderen hineinversetzen, man kann sogar in seine Argumentation hineinstürzen. Andrea Fischer, die diesen persönlichen Umsturz beim Thema Präimplantationsdiagnostik schon erlebt hat, nennt die Beschäftigung mit der Gen-Ethik einen "geistigen Marathonlauf". Diese Gedanken zu denken, ist in der Tat anstrengend und intellektuell euphorisierend. Man weiß beim Marathon aber wenigstens, wo man ankommt.

Der Ernst, die relative Offenheit, die neu erwachte politische Debattierlust - das alles ermutigt. Dennoch wurden auf beiden Seiten auch schwere Fehler gemacht. Einige Skeptiker haben allzu lange versucht, aus der deutschen Euthanasie-Geschichte ein PID-Verbot abzuleiten. Dieses Argument jedoch hat nur Sinn, wenn man dem anderen sehr üble Absichten unterstellt. Johannes Rau hat sich in seiner Gen-Rede denn auch von diesem Ansatz verabschiedet. Einen weiteren Fehler begeht Herta Däubler-Gmelin, die mit Berufung auf das Grundgesetz und Verfassungsgerichtsurteile sagt: Es gibt gar nichts zu diskutieren, es steht alles schon im Gesetz. Jutta Limbach, Präsidentin des Verfassungsgerichts, hat klargestellt, dass die Justizministerin irrt. Was jetzt diskutiert wird, hat Einfluss auf jenes Karlsruher Urteil, das so oder so am Ende stehen wird.

Den folgenschwersten Fehler hat wahrscheinlich der Bundeskanzler gemacht. Er hatte mit seinem albernen Scheuklappen-Vorwurf schon falsch begonnen. Und führte dann auch noch das Arbeitsplatzargument ein. Das war dreifach falsch. Sachlich, weil der größte und wirtschaftlich relevanteste Teil der Gentechnik unumstritten ist; moralisch, weil man werdendes gegen vergehendes Leben abwägen kann, Embryonen gegen Todkranke, aber nicht Leben gegen Arbeitsplätze; taktisch, weil die kleinen Leute sich unter Arbeitsplätzen am Embryo noch nichts vorstellen können.

Die Kanzler-Fehler und Raus populäre Rede haben die Skeptiker in die Vorhand gebracht. Vorübergehend, wie man annehmen muss. Zwei so konservative Wochen wie die von der Rau-Rede bis zur heutigen Bundestagsdebatte werden wir nicht noch einmal erleben. Es wird keinen reinen Sieg der Konservativen geben. Aber auch keinen der "Engländer", jener, die den Embryo wie auf der Insel bis zum 14. Tag von der Menschenwürde ausnehmen wollen. Nein, der Kompromiss dürfte eher lauten: Konservativ plus X, Schutz des Embryos von Anfang an mit eng begrenzten Ausnahmen.

Bei diesen Ausnahmen kommt alles darauf an, wie verlässlich die Grenzen gezogen werden, wie glaubwürdig die Liberalisierer machen können, dass nach einer ersten Öffnung nicht die nächste kommt. Wie und auf wen soll die PID begrenzt werden? Wollen wir in Deutschland wirklich nur zum Tode bestimmte Embryonen für die Forschung verwenden? Oder soll hier ein Rubikon überschritten werden, um hinterher sagen zu können: Jetzt, da er eh schon überschritten ist, können wir auch noch weiter gehen, zum therapeutischen Klonen etwa? Wenn die Debatte so gut weitergehen soll, wie sie begonnen hat, dann sollten die Liberalisierer ihre Begrenzungs-Bringschuld sehr ernst nehmen.

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