Meinung : Gentechnik: Die Moral-Falle

Kerstin Kohlenberg

Eines hat sie jetzt schon geschafft, die Debatte um Präimplantationsdiagnostik (PID) und Stammzellenforschung. In Zukunft können Mann und Frau nun endlich auch ein bisschen schwanger sein. Wie das geht? Ganz einfach. Man nehme Craig Venter, PID, Stammzellenforschung, das christliche Menschenbild und ein Parlament, das all dies unter einen Deckel stopfen will. Heraus kommt - ein bisschen schwanger.

Zum Thema Online Spezial: Die Debatte um die Gentechnik Der Bundestag steckt in der klassischen Dilemma-Situation. Er will das "fragile Absolute" unseres christlichen Erbes, wie es der Philosoph Slavoj Zizek nennt, retten, das absolute Recht auf Leben. Weil es nämlich die Grundlage ist, auf der wir Recht und Unrecht beurteilen, es legt fest, was gut ist, stiftet also Sinn und macht auf diese Weise gerechtes Handeln möglich.

Auf der anderen Seite will das Parlament sich aber auch dem gentechnischen Zeitalter nicht verweigern. Interessant an der Bundestagsdebatte am Donnerstag war, dass sich die meisten Abweichler von der christlich-ethischen Totalverweigerer-Position für Gentests am Embryo ausgesprochen haben, die Forschung an embryonale Stammzellenforschung jedoch kategorisch ablehnen, um damit das christliche Menschenbild und das absolute Recht auf Leben irgendwie doch noch unter den Deckel zu friemeln.

Die Frage lautet nun, ob uns das christliche Menschenbild im Zeitalter der Gentechnik eigentlich noch weiterhilft und ob es seinen Zweck überhaupt noch erfüllen kann: die Achtung vor dem Leben zu schützen.

Wäre es in angesichts dieses Dilemmas nicht eher angebracht, die bestehenden Gesetze zu überschreiten, um neu zu definieren, was die sozialen Gefahren und die medizinischen Chancen der Gentechnik sind? Um auf diese Weise zu einer neuen Definition dessen zu kommen, was eine Gesetzesnorm im gentechnischen Zeitalter ist? Das würde uns wieder handlungsfähig machen und uns nicht in eine Moral-Diskussion verstricken, über deren Ende viele Frauen seit der Fristenlösung froh waren.

In der biopolitischen Zukunft wird nicht mehr das absolute Recht auf Leben unser Menschenbild prägen, sondern vielmehr die Art und Weise wie wir uns fortpflanzen. Wir brauchen also keine Debatte über die Frage, wann das Leben anfängt, sondern eine darüber, wie wir uns unsere Fortpflanzung in Zukunft vorstellen. Wir stehen jetzt vor der Frage, ob wir die Befruchtung, also die Zeugung eines Kindes, massenhaft in die Hände von Ärzten legen wollen - denn PID ist nur bei künstlicher Befruchtung möglich - oder ob wir sie im Körper behalten wollen. Denn die künstliche Befruchtung wird in Zukunft zunehmen - schon weil viele Frauen immer später Kinder bekommen werden, weil sie auf ihre eigene Karriere nicht mehr verzichten wollen. Und je später eine Frau schwanger ist, desto höher das Gesundheitsheitsrisiko des Kindes. Außerdem wird die jetzt noch sehr schmerzhafte Behandlung, die viele zurückschrecken lässt, in Zukunft durch sanftere Verfahren ersetzt.

So wird es wohl kommen - das zu ändern, zum Beispiel mit einem verbesserten Ganztagsbetreuungsangebot für Kinder von berufstätigen Müttern, ist jedoch Aufgabe der Politik und nicht die der Molekularbiologie. Und nicht die Nutzung von Embryonen zu Forschungszwecken ist das ethische Problem der Zukunft, sondern die Warenwerdung des Embryos durch Qualitätscheck und Genmanipulation. Erst dadurch wird dem Embryo die Würde genommen.

Dennoch darf natürlich keine Frau dazu gezwungen werden, ein behindertes Kind bekommen zu müssen. Die Entscheidung darüber muss aber eine bewusste bleiben und darf nicht durch einen mechanischen Eingriff außerhalb des Körpers verharmlost werden. Wir sollten uns daher auf die Pränataldiagnostik (PD), die Fruchtwasseruntersuchung und die Ultraschalluntersuchung im Mutterleib beschränken. So bleibt auch die Hemmschwelle, ein Kind schon wegen einer diagnostizierten Hasenscharte nicht auszutragen zu wollen, hoch.

Wir dürfen uns in dieser Debatte also nicht länger durch die Fixierung auf die Eizelle von den eigentlichen Problemen ablenken lassen. Wir müssen vielmehr zu einer Definition von Fortpflanzung kommen, die es uns erschwert, die Bedingungen von Leben immer mehr nach unserem Geschmack zu definieren. Eine Definition, die wieder darauf aufmerksam macht, dass Leben nicht nur ein biologisches, sondern auch ein soziales Ereignis ist. Ein bisschen schwanger ist einfach zu wenig.

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