Meinung : Gentechnik: Kanzlerrat: Mehr Ethik wagen!

In dieser Woche gab es drei für die Entwicklung der Gentechnik strategisch bedeutsame Daten: Der Bundeskanzler hat den Nationalen Ethikrat eingesetzt, er hat erstmals ein Interview zum Thema gegeben und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ändert ihre Position zur Forschung an menschlichen Embryonen. Alle drei Ereignisse deuten in dieselbe Richtung: Der Kanzler will liberalisieren und dabei möglichst viele mitnehmen. Was zu erwarten war. Interessant ist, wie er es tut. Und was man gegebenenfalls dagegen tun kann.

Erkennbar am Kanzler-Interview wie auch an den Empfehlungen der DFG ist eine bestimmte, beiden gemeinsame Überredungskunst. Erlaubt werden soll immer das, was wissenschaftlich aussichtsreich erscheint, während man mit einigem moralischen Pomp Verfahren zurückweist, von denen man sich wissenschaftlich ohnehin nichts verspricht. Also: Forschung an embryonalen Stammzellen erlauben - therapeutisches Klonen verbieten; Aussortieren von kranken Embryonen erlauben - Eingriffe in die Keimbahn verbieten.

Das gilt dann jeweils solange, bis wieder einmal irgendwo auf der Welt ein technischer Fortschritt erzielt wird, woraufhin in Deutschland die Grenzen entsprechend verschoben werden: Das technisch Machbare wird zum moralisch und rechtlich Erlaubten - während das dann technisch Utopische zum moralisch und rechtlich Unerlaubten erklärt wird: Was nicht möglich ist, das ist vorerst verboten - was möglich ist, das wird alsbald erlaubt. Das ist eine raffinierte, fast rheinische Methode. Sie lässt nur eines außer Acht: Jede Art von Grundsätzen. Und das ist bei Fragen der Menschenwürde mehr als bedenklich.

Für das Bedenken und Erwägen jedoch soll der neue Ethikrat zuständig sein. Ob er tatsächlich ein Gremium sein wird, in dem solche rheinischen Selbstbetrugsmanöver zelebriert oder wo sie ironisiert werden, ob er ein Rat sein wird, in dem Bedenken durch unablässige Wortwinde zerstäubt werden, ob er das Parlament ergänzen oder enteignen soll - all das dürfte sich bald zeigen. Nicht schon an der Zusammensetzung, da ist das Übergewicht der Euphoriker gegenüber den Skeptikern groß, aber nicht erdrückend. In der ersten Sitzung jedoch wird es auf zweierlei ankommen: 1. Was nimmt sich der Rat vor? 2. Wer wird Vorsitzender?

Wenn sich der Nationale Ethikrat genau das gleiche vornimmt, was sein parlamentarisches Pendant, die Enquete-Kommission des Bundestages schon tut, nämlich Gesetzgebung konkret vorbereiten, dann geht es ihm nur darum, eine höhere Kanzlergeschmeidigkeit zu erzeugen. Ebenso, wenn der Vorsitzende ein an der Entgrenzung von Berufs wegen Interessierter sein sollte, etwa Ernst-Ludwig Winnacker (DFG). Ob die Kritiker des Rates Recht behalten oder sein Gründer, der Kanzler, ist von dieser Woche an keine theoretische Frage mehr, sondern eine praktische.

Womit Schröder allerdings gegenüber der Kritik schon jetzt Recht behält, das ist sein Gespür für Menschen. Für die kleine Gemeinde der Gentechnik-Experten ist ein Nationaler Ethikrat überflüssig, der späte Startschuss, den der Kanzler für die seit Jahren laufende Debatte gibt, ein Hohn. "Hatten wir alles schon", rufen sie im Chor. Aber was wissen die normalen Leute davon? Dass es eine Gentomate gibt, ein Klonschaf und dass da kürzlich irgendwas entschlüsselt wurde von diesem genialischen Amerikaner. Nein, nein, das weiß Schröder einfach besser: Für 79,99 Millionen Bundesbürger - und ihren Kanzler - beginnt die Debatte so richtig erst jetzt. Mit dem Nationalen Ethikrat. Er hat nun das Wort. Aber nicht er allein.

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