Meinung : Gentechnik: Killervirus aus Menschenhand

Alexander S. Kekulé

Für gewöhnlich sind es die Gegner der Gentechnik, die vor den Schrecken der im Labor erschaffenen Kreaturen warnen - worauf deren Schöpfer reflektorisch mit heftigem Abwiegeln reagieren. Jetzt haben australische Wissenschaftler ein Virus erschaffen, bei dessen Anblick ihnen selbst angst und bange wurde: Bei dem Versuch, ein Verhütungsmittel für Mäuse zu entwickeln, ist aus einem relativ harmlosen Mäuse-Virus ein gefährlicher Killer entstanden - angeblich ganz "aus Versehen". Wenige Tage nach der Infektion wurden Leber, Milz und andere Organe der Nager regelrecht aufgelöst, kurz darauf fielen die Tiere ins Koma und starben - Todesrate 100 Prozent. Sogar vorher geimpfte Tiere wurden infiziert.

Die verantwortlichen Forscher Ian Ramshaw und Ronald Jackson, offenbar noch ganz durcheinander von ihrem Frankenstein-Erlebnis, fragten erst einmal beim australischen Verteidigungsministerium um Rat. Doch auch dessen Biokrieg-Experten wussten mit der Mäuse-Waffe nichts Rechtes anzufangen. So entschlossen sich Ramshaw und Jackson zu einem bisher einmaligen Schritt: Sie warnten die Weltöffentlichkeit vor ihrer eigenen Publikation.

Noch vor der Veröffentlichung der Ergebnisse im Februarheft des "Journal of Virology" erklärten die beteiligten Institute der staatlichen Forschungsorganisation CSIRO und der National University in Canberra, dass die Herstellung dieses Killervirus keineswegs beabsichtigt gewesen und bitteschön nicht als Bauanleitung für Biowaffen zu verwenden sei - mit besten Empfehlungen an alle Saddams und Gaddafis dieser Erde.

Seitdem regen sich auch bei einigen Fachleuten ernste Bedenken: Bisher galt die beruhigende Regel, natürliche Viren seien so perfekt, dass sie durch genetische Manipulationen stets harmloser und nicht gefährlicher werden. Noch schwerer wiegt, dass die rührselige Presseversion von den völlig überraschten, besorgten Forschern wenig glaubwürdig ist - im Gegenteil: Vieles spricht dafür, dass Ramshaw und Jackson genau wussten, was sie tun.

Die Untersuchungen galten dem Ziel, Mäuse in freier Wildbahn durch eine Virusinfektion unfruchtbar zu machen. Im "wheat-sheep belt" Südostaustraliens richtet die einst von Seefahrern eingeschleppte Hausmaus landwirtschaftliche Schäden in Milliardenhöhe an, pro Hektar werden bis zu 1000 der vermehrungsfreudigen Nagetiere gezählt. Da Gifte, Fallen und Hormone zu teuer sind, sollen die Mäuse künftig mit einem Trick unfruchtbar gemacht werden: Durch eine Impfung werden weibliche Tiere angeregt, Antikörper gegen die eigenen Eizellen zu produzieren. Im Labor funktioniert diese "Immun-Kontrazeption" bereits. Um in der freien Wildbahn nicht jede Maus einzeln impfen zu müssen, suchen die Forscher nun nach einem Virus, mit dem der Impfstoff wie eine Grippeepidemie unter den Plagern verbreitet werden kann.

Ramshaw und Jackson bauten in das "Mäusepocken-Virus" jedoch ausgerechnet ein Gen für Interleukin-4 (IL-4) ein. IL-4 ist ein natürlicher Signalstoff, der bei Mäusen und Menschen die Immunantwort bremst, insbesondere die "Helfer-T-Zellen" werden drastisch vermindert. Die Kombination mit IL-4 machte das Mäusepocken-Virus zum Killer, weil durch die Infektion gleichzeitig die Immunantwort ausgeschaltet wurde - wie bei einer Aids-Infektion.

Dass das zu erwarten war, konnten Ramshaw und Jackson in diversen Publikationen nachlesen, darunter ihren eigenen: Bereits 1996 hatten sie IL-4 in das mit dem Mäusepocken-Virus eng verwandte, jedoch harmlose Vaccinia-Virus eingesetzt und eine "deutliche Verschlimmerung des Krankheitsverlaufes" beobachtet. Dass dieses Experiment nun mit dem deutlich aggressiveren Mäusepocken-Virus wiederholt wurde, dürfte am ehesten durch besonderen Forscherehrgeiz zu erklären sein.

Hoffnung auf ein Umdenken bei der umstrittenen Freisetzung von Unfruchtbarkeits-Viren besteht allerdings kaum, obwohl die ungewollte Infektion anderer Tierarten eine ökologische Katastrophe auslösen würde. Statt dessen wird bereits intensiv an Viren gegen weitere Schädlinge der Landwirtschaft gearbeitet: Kaninchen und streunende Katzen in Australien, Ratten in Indonesien und das Bürstenschwanz-Opossum in Neuseeland.

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