Meinung : Gentechnik: Nach dem Nein

Carsten Germis

Der Blick der Grünen auf die Gentechnik hat sich geändert. Noch in der vergangenen Wahlperiode erklärte die Ärztin und Abgeordnete Marina Steindor standhaft und keinen Widerspruch duldend: "Bündnis90/Die Grünen lehnen die Gentechnologie grundsätzlich ab."

Das sieht nun anders aus. In ihrem neuen Eckpunktepapier zur Gentechnik, über das die grüne Bundestagsfraktion am Dienstag in Berlin debattierte, beurteilen die Abgeordneten die Gentechnik positiver. Bio- und Gentechnik sind Schlüsseltechniken des 21. Jahrhunderts. Wer da nur Nein sagt, erinnert an die, die bei der Einführung der Elektrizität vor 100 Jahren nur die Gefahren sahen. Mit der Biotechnik verbinden sich Hoffnungen, aber auch große Ängste.

Diese Risikotechniken sind der bislang weitestgehende Versuch des Menschen, die Natur technisch-instrumentell zu beherrschen. Wer, wenn nicht die Grünen, sollte sich also zu dieser Frage äußern? Die Umweltschutzpartei wird durch das, was technisch möglich zu werden scheint, am stärksten herausgefordert. Fundamentalopposition, wie sie in der gerade drei Jahre zurückliegenden Aussage der Abgeordneten Steindorf deutlich wird, konnte die Entwicklung nicht aufhalten. Es ist sinnvoller, wie Gesundheitsministerin Andrea Fischer vorschlägt, auch den Nutzen der Gentechnik zu sehen. Und wer den Nutzen will, darf nicht nur über Risiken reden. Er muss sehen, wo Grenzen gesetzt werden müssen. Und er muss Regeln aufstellen.

Wenn die Grünen diesen Weg jetzt gehen wollen, schwenken sie nicht auf den unkritischen Fortschrittsglauben ein, mit dem sich die Liberalen eine möglichst wenig reglementierte Gentechnik wünschen. Gerade die aktuelle Debatte um den Rinderwahnsinn bestärkt die Zweifler. Mit der Gentechnik können Erbinformationen über alle Artgrenzen hinweg nach Belieben kombiniert werden. Der Mensch spielt Gott. Und das soll garantiert ohne Risiko sein? Die "grüne Gentechnik", also die Nutzung maßgeschneiderter gentechnisch veränderter Nutzpflanzen ist ein Wachstumsmarkt. Schon heute wachsen weltweit auf etwa 40 Millionen Hektar gentechnisch veränderte Nutzpflanzen. Doch in der Bundesrepublik akzeptieren die Verbraucher, im Gegensatz zu den USA, die "grüne" Gentechnik bislang kaum.

Anders sieht es bei der "roten" Gentechnik aus, also beim Einsatz in der Medizin. Gerade bei Krebs, Infektions- und HerzKreislauf-Erkrankungen konnten neue Diagnose- und Therapiekonzepte entwickelt werden. Das weckt Hoffnungen. Wobei sich die Diagnosemöglichkeiten allerdings wesentlich rascher entwickeln als die der Therapie.

Aber gerade die "rote" Gentechnik wird unsere Gesellschaft verändern. Nehmen wir nur die Fortpflanzungsmedizin. Was passiert, wenn Eltern erfahren, dass ihr Kind möglicherweise eine erbliche Krankheitsdisposition hat? Wo bleibt die Menschenwürde, wenn Geschlecht und Eigenschaften des Kindes vor der Geburt durch Manipulation und Selektion bestimmt werden? Die Grünen haben in ihrer Fraktion eine Debatte angestoßen, die der Bundestag aufgreifen sollte. Zum Beispiel, wenn es um die Frage geht, ob menschliche Embryonen für Forschungszwecke gezüchtet werden dürfen. Fertige Antworten kann da niemand haben. Umso wichtiger ist es, endlich über die notwendige Selbstbeschränkung nachzudenken.

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