Meinung : Gentechnik: Nicht nur ein Klon

Hartmut Wewetzer

Die Welt im Jahre 2060. Die Behandlung mit Stammzellen ist längst zum Alltag geworden. Die Menschen leiden deshalb weniger unter chronischen Krankheiten, unter Diabetes und Parkinson, unter Lähmungen, Herzkrankheiten und Immunstörungen. Die Lebenserwartung ist gestiegen, die körperliche und geistige Frische bis ins hohe Alter gegeben. Der Jungbrunnen sprudelt im Biolabor: Stammzellen, gewonnen aus dem therapeutischen Klon. Eine persönliche Lebensversicherung für jedermann.

Zum Thema Online Spezial: Die Debatte um die Gentechnik Solche Zukunftsvisionen erscheinen heute noch fast unvorstellbar. Aber die Entwicklung geht rasch voran. Die Forschung zu Stammzellen und ihrem medizinischen Potenzial ist in den letzten Jahren regelrecht explodiert. Das Klonverfahren nach dem "Dolly"-Prinzip ist zwar nicht tägliche Routine geworden, aber doch bei immer mehr Tieren erfolgreich durchexerziert worden. Und nun auch beim Menschen. Zumindest bis zum Sechszeller haben es die Biotechniker der US-Firma ACT gebracht. Dann stellten die Embryonen ihr Wachstum ein.

Die Reaktionen waren zu erwarten - Skepsis bei der wissenschaftlichen Konkurrenz, Empörung bei Lebensschützern und Kirchenvertretern, überwiegend Kritik bei Politikern. Einig sind sich alle Seiten, auch die Wissenschaftler, nur in einer Frage: Das "reproduktive" Klonen, also das Erzeugen einer genetischen Kopie, ist abzulehnen. Sei es wegen der ethischen Probleme oder sei es, weil die Klontechnik noch am Anfang steht. Nur eine Handvoll Außenseiter wollen Menschen klonen.

Kniffliger wird es bei der Frage, ob das therapeutische Klonen erlaubt werden soll. In Deutschland ist jede Art von Klonen verboten, die USA streben ein Verbot an, und in Großbritannien ist es unter strengen Rahmenbedingungen erlaubt. Es könnte also gut sein, dass die amerikanische Klon-Karawane nach Großbritannien weiterzieht. Das wesentliche Argument gegen das Verfahren ist die Tatsache, dass dabei menschliches Leben nicht um seiner selbst Willen erzeugt wird. Der Klon dient medizinischen Zwecken. Er ist geschaffen, um einem anderen zu nützen. Er wird für das Wohl eines anderen zerstört.

Eine zweite Reihe von Einwänden ist eher technischer Natur. Die Methode ebne auch den Weg für das unter Umständen verheerende reproduktive Klonen; es sei extrem aufwändig und erfordere nicht zuletzt eine große Zahl von Eizell-Spenderinnen; die Hoffnung auf wirksame Behandlung sei zum jetzigen Zeitpunkt spekulativ und nur schlecht zu begründen; "adulte" Stammzellen aus nicht-embryonalem Gewebe seien ethisch unproblematisch und ebenfalls vielversprechend.

Die Befürworter stellen den potenziellen medizinischen Nutzen in den Vordergrund. Stammzellen aus geklonten Embryonen könnten schwere und lebensbedrohliche Krankheiten kurieren - und das ohne die Gefahr von Abstoßungsreaktionen. Das Lebensrecht des Embryonen steht gegen die Hoffnung auf Heilung.

Der Embryo repräsentiert in dieser Sicht zwar menschliches Leben, aber kann nicht die volle Menschenwürde und die Menschenrechte für sich in Anspruch nehmen. Der wenige Zellen umfassende Embryo in der Petrischale hat weniger Rechte als der Fötus im Mutterleib, dessen Status wiederum geringer als der des Neugeborenen ist. Das spiegelt sich in der alltäglichen Rechtspraxis. Wer einen Embryo im Mutterleib abtreibt, wird nicht bestraft. Warum soll dann das Herstellen eines viel früheren Embryo-Stadiums geächtet werden, fragen die Befürworter - noch dazu, wo man kranken Menschen helfen wolle?

Noch ist die Hoffnung auf den Jungbrunnen aus dem Stammzellklon zu schwach, um die Argumente gegen das Klonen ins Wanken zu bringen. In vielen Ländern dürfte sich deshalb wie in Deutschland die Waage gegen jede Art von Klonversuchen am Menschen neigen. Richtig schwierig wird die Lage nur, wenn andernorts tatsächlich Menschen erfolgreich mit Stammzellen behandelt werden, die aus einem Klon stammen. Es ist unwahrscheinlich, dass Deutschland seinen Bürgern dann eine wirksame Therapie wird vorenthalten können.

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