Meinung : Gentechnik: Von der Freiheit, skeptisch zu sein

Rainer Hank

Was heißt Liberalisierung in der Diskussion um die Biotechnologie? Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) plädiert dafür, die Forschung an embryonalen Stammzellen zuzulassen. Ist das liberal? Die FDP spricht sich für Präimplantationsdiagnostik (PID) aus. Die liberale Partei warnt, Deutschland dürfe sich nicht von einem für das 21. Jahrhundert wichtigen Forschungsgebiet und seinen Märkten abkoppeln.

Sind das liberale Positionen? Für viele klingt das so. Zwar wird dem Liberalismus in der Regel zu Unrecht eine naive Haltung des Laissez-faire unterstellt. Doch tatsächlich hegt eine liberale Ethik gegen Ethikräte, Moratorien und untersagende Gesetze zunächst einmal den Verdach "anmaßenden Wissens" (Friedrich A. von Hayek). Wissenschaft und Wettbewerb haben als Entdeckungsverfahren für Liberale den Vorzug gegenüber dem Staat. Versuch und Irrtum in der Wissenschaft, Angebot und Nachfrage in der Wirtschaft, wären demnach der bessere Weg unter den Bedingungen unvollständiger Information die Präferenzen der Menschen über ihr Leben zu ermitteln.

Doch so einfach ist im Fall der Gentechnologie die liberale Position nicht abzuleiten. Märkte sind immer dort das bessere Entdeckungsverfahren, wo die Risiken ihrer Struktur nach bekannt sind. Die Risiken der Gentechnik sind aber in weiten Teilen (noch) nicht bekannt. Das jedoch macht die - auf Märkten übliche - individuelle Risikoabschätzung (welches Wagnis gehe ich unter Berücksichtigung aller bekannten Informatione ein?) unmöglich.

Und selbst dort, wo die Risiken gentechnischen Handelns bekannt zu sein scheinen - beim Umgang mit embryonalen Stammzellen oder bei der Präimplantationsdiagnostik - plädiert die liberale Haltung nicht einfach dafür, alles zu erlauben, was machbar ist. Denn Liberalismus heißt vor allem: Freiheit ist besser als Fremdbestimmung, Differenz besser als Gleichmacherei. Doch spricht einiges dafür, dass viele Befürworter gentechnischer Möglichkeiten von einem (uneingestandenen) illiberalen Paternalismus und Egalitarismus getrieben werden. Die Möglichkeiten der Gendiagnostik geben dem verständlichen Wunsch der Eltern nach einem "Wunschkind" Nahrung. Eine liberale Ethik wird sich jedoch zum Anwalt des Embryos machen und sich nicht auf die Debatte einlassen, wie viele Tage ein Embryo Objekt ist und ab wann ein menschliches Subjekt.

Hinter PID verbirgt sich offenkundig das Verlangen, genetische Ungleichheiten einzuebnen. Bei erblich angelegten Krankheiten mag man diesen Wunsch spontan billigen. Wie ist es aber mit Intelligenz, Schönheit und anderen naturalen Ungleichheiten? Chancengleichheit heißt nicht, dass alle an der Startlinie gleich sein sollen. Chancengleichheit heißt, mit ungleichen Voraussetzungen in den Wettbewerb ziehen und - falls politische gewollt - die Erschwernis der Benachteiligten durch ein "Handycap" der Bevorteilten zu kompensieren. Der Hayeksche Verdacht anmaßenden Wissens greift nicht nur gegen Ethikräte, sondern auch gegen den gentechnischen Planungswunsch.

Der Hinweis auf die Ambivalenz des Liberalismus gegenüber der Gentechnik kann eine bisweilen verschüttete liberale Tradition freilegen. Optimismus ist bei Liberalen gewiss stärker ausgebildet als bei Konservativen, deren kulturkritische Sorge dem Verfall von Werten gilt. Liberale haben vor der Zukunft wenig Angst. Damit freilich der Optimismus nicht blind wird, paart er sich bei seinen besten Vertretern - von Locke über Mill bis Popper - stets mit Skepsis. Ein bisschen mehr liberale Skepsis könnte einer liberalen Bioethik nicht schaden.

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