Meinung : „Genug ist genug“

Clemens Wergin

Er kennt seinen Gazastreifen wie wenig andere. Schließlich ist Mohammed Dahlan im Flüchtlingslager Khan Junis geboren, hat an der islamischen Universität Geografie studiert. Und die Jahre als Sicherheitschef in Gaza, von 1994 bis 2002, haben ihm wichtige Einblicke verschafft in die lokalen Beziehungsgeflechte.

Der 42-Jährige gilt als Kopf der Unruhen gegen Palästinenserführer Jassir Arafat. Er, der einst eine der wichtigsten Stützen des Präsidenten war, hat sich nun in einen seiner mächtigsten Kritiker verwandelt. Die Entfremdung hat einen Grund: Dahlan war weder mit der weichen Linie Arafats gegenüber der extremistischen HamasBewegung in den letzten Jahren einverstanden, noch damit, dass alle Reformen in der Autonomiebehörde blockiert werden.

Seine Macht beruht nicht so sehr auf Popularität. Jüngsten Umfragen zufolge steht er nur auf Rang sieben der beliebtesten palästinensischen Politiker. Aber Dahlan kann sich auf ihm ergebene Teile der Fatah-Bewegung in Gaza stützen, auf weit gefächerte Beziehungen – und auf Europa, die USA und Ägypten, die ihn zum starken Mann im Kabinett des später gescheiterten Reformpremiers Mahmud Abbas aufbauen wollten.

Wie der populärere Marwan Barguti, der zurzeit in Israel im Gefängnis sitzt, gehört Dahlan zur Generation der Fatah-Führer, die sich bei der ersten Intifada Ende der 80er einen Namen gemacht haben. Dahlan sagt, er sei damals zehn Mal verhaftet worden und habe sechs Jahre in israelischen Gefängnissen zugebracht – israelische Stellen halten das für übertrieben. Unbestritten ist, dass Dahlan im Gefängnis Hebräisch gelernt hat und mit israelischen Debatten gut vertraut ist.

Mit seinem aufwändigen Lebensstil und den stets teuren, gut geschnittenen Anzügen ist Dahlan gewiss nicht der ideale Streiter gegen die Korruption. Sein Kampf gegen Arafat dient gleichwohl nicht nur dem Anwachsen der eigenen Macht. Er will die Fatah-Führung dazu zwingen, endlich eine politische Richtung vorzugeben, wie es nach dem Rückzug der Israelis aus Gaza weitergehen soll. „Wir befinden uns an einer Weggabelung“, sagt Dahlan, „entweder wir bekommen die palästinensische Unabhängigkeit, oder wir werden wieder zu einer Art Somalia.“ Ähnlich sehen das viele Fatah-Leute der jungen Garde. Sie müssen miterleben, wie den islamischen Extremisten immer mehr Sympathien zufliegen, wie Israel seine einseitige Rückzugspolitik verfolgt, während Arafat nicht mehr einfällt, als die Macht der eigenen Familie zu schützen.

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