Meinung : Gerhard Schröder in Moskau: Die eingebildete Supermacht

Doris Heimann

Wie romantisch: Auf einer verschneiten Datscha vor Moskau werden Gerhard Schröder und seine Frau mit der Familie Putin das orthodoxe Weihnachtsfest feiern. Was ist das für ein Mann, mit dem Schröder sich trotz Tschetschenien-Krieg unter den Christbaum setzt, nach eigenem Bekunden aber nicht in die Sauna gehen will? Das Jahr 2000 war in Russland das Jahr des Wladimir Putin. In den zwölf Monaten seit Boris Jelzins überraschendem Rückzug hat der neue Kreml-Chef der russischen Innen- wie der Außenpolitik einen persönlichen Stempel aufgedrückt. Ein ambivalenter Eindruck.

"Versprochen - gehalten": Schröders Motto lässt sich gut auf Putins innenpolitischen Kurs anwenden. Er hatte versprochen, Russland etwas von dem verlorenen Großmachtglanz zurückzugeben. Jetzt darf wieder die alte Sowjethymne gesungen werden - mit neuem Text. Die Armee hat ihre schöne rote Fahne wieder, der doppelköpfige Adler im Wappen erinnert an die imperiale Größe des Zarenreichs. Und schon funktioniert das Großmacht-Gefühl per Autosuggestion. Dabei hat das Unglück des U-Bootes "Kursk" vor Augen geführt, wie es mit der vorgeblichen militärischen Supermacht wirklich steht. Versprochen hatte Putin auch politische Stabilität. Gehalten: Im Parlament dominiert jetzt die Putin-treue Partei "Einheit", zu Jelzins Zeiten war die Duma auf Konfrontationskurs. Die aufmüpfigen Gouverneure wurden per Gebietsreform entmachtet. Kaum jemanden scheint es zu stören, dass die in Russland so genannte "Konsolidierung der Gesellschaft" gleichbedeutend ist mit der Abschaffung der Opposition.

Schließlich hatte Putin angekündigt, die Macht der im Volk verhassten Oligarchen zu brechen. Auch das ist gelungen: Boris Beresowskij wurde aus den Vorzimmern des Kreml verjagt, Wladimir Gussinskij sogar außer Landes. Dass die Verfolgung zugleich dessen Imperium kreml-kritischer Medien gilt, nehmen die Russen billigend in Kauf.

Ähnlich widersprüchlich ist Putins Außenpolitik. Es dominiert eine neue, pragmatische Linie. Boris Jelzin verunsicherte den Westen mit seinen impulsiven Wechseln zwischen Schmusekurs und offenen Drohungen mit Russlands Atomwaffen. Putin scheint berechenbarer. Er hat sich von Moskaus traditioneller Fixierung auf die USA gelöst, setzt stärker auf strategische Partnerschaften mit europäischen Ländern. Er vermeidet manche Einmischung, die zu Spannungen mit dem Westen führen könnte. Beim Machtwechsel in Jugoslawien verhielt Moskau sich auffallend passiv. Im Nahen Osten kein Versuch, in einen Vermittlerwettstreit mit den USA zu treten; der wäre auch aussichtslos. So erleichtert scheint der Westen über Putins Auftreten, dass kritische Töne über den Tschetschenien-Krieg vollends verstummt sind. Dabei hat sich die Situation im Kaukasus nicht geändert.

Die stabileren Beziehungen zum Westen sind nur eine Seite von Putins Kurs. Gleichzeitig hat er den abgerissenen Kontakt zu alten Verbündeten aus der Sowjet-Zeit aktiviert: mit Besuchen auf Kuba, in Indien, China, Nordkorea und der Annäherung an den Iran und Libyen. Das ist Balsam für die verwundetete Seele der Supermacht-Nostalgiker. Und es könnte von Putin auch genauso gedacht sein - als Mittel zur Autosuggestion, ähnlich wie Sowjet-Hymne und Zarenadler. Ungefährlich ist das nicht: Sehr leicht kann die Luftblase platzen, kann der von oben entfachte Großmacht-Stolz zur Erwartung konkreter Taten führen oder, wenn diese ausbleiben, in tiefe Frustration umschlagen.

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