Meinung : Geschichte – leicht gemacht

Warum wir 50 Jahre danach den 17. Juni als Tag entdecken, den wir feiern können

Robert Ide

Welch ein Aufstand 50 Jahre danach! Deutschland feiert den 17. Juni 1953, als sei es der deutsche Sturm auf die Bastille gewesen. Filme zeigen Helden, die in Arbeiterjacken gegen eine Diktatur aufbegehren. Im Stasi-Knast werden Sinfonien gespielt, Straßen werden umbenannt – und viele Reden gehalten. Bundespräsident Rau erklärt den 17. Juni zum „großen Tag der deutschen Freiheitsgeschichte“, manche wollen ihn gar zum neuen Nationalfeiertag machen. Plötzlich, so erscheint es vielen, wird Geschichte schwer wie ein Stein, der alles Erinnern zu erschlagen droht. Machen wir uns mit einer Gedenkorgie den 17. Juni endgültig kaputt?

Es stimmt, in diesen Tagen wird Geschichte gemacht. Aber dieses Gedenken ist nicht verordnet, nicht von den Medien, nicht von der Politik. Die Zeitungen sind gefüllt mit Geschichtsstoff – weil er spannende Geschichten liefert. Schüler laden Zeitzeugen ein – weil es toll ist, wenn jemand von seinen Erlebnissen erzählt. Denn der Protest in der DDR war auch ein aufregendes Abenteuer. Nur mit mächtigen Panzern konnte die Freiheitslust von mutigen Steinewerfern niedergeschlagen werden.

Spannung, Abenteuer, Freiheitslust. Merkwürdig, dass diese Regungen uns erst jetzt überfallen, wenn wir an den 17. Juni denken. Jahrzehntelang war der Tag im Osten Deutschlands ein Tabu, das neugierige Schüler im Staatsbürgerkunde-Unterricht besser nicht ansprechen sollten. Und im Westen war er nur ein Badetag mit Fensterreden auf die deutsche Einheit. Als die Einheit endlich da war, gab es andere Sorgen als die Geschichte. Warum erinnern wir uns so spät mit so viel Leidenschaft?

Der 17. Juni war eine Niederlage. Im Osten war es eine, die die Staatsmacht dem Volk zugefügt hatte. Im Westen war es eine des guten Gewissens. Denn hätte man ihnen nicht helfen können, den Brüdern und Schwestern hinter der nicht mal befestigten Grenze?

Jetzt erst, ein halbes Jahrhundert danach, können wir diese quälenden Gedanken ablegen. Wir entdecken die Helden von damals, klopfen ihnen anerkennend auf die Schulter. Wir tun das nicht, weil wir dazu gezwungen sind. Sondern weil es einfach schön ist, daran zu denken, dass Eltern und Großeltern etwas getan haben, was wir manchmal bei uns selbst vermissen: Sie haben sich nicht alles gefallen lassen.

Dass diese Gedanken an den 17. Juni zurückkommen, dass sie nicht verschüttet wurden im jahrelangen Reden und Schweigen, ist eine Erleichterung. Jetzt ist der Aufstand nicht mehr verborgen unter den Niederlagen. Wir können die Straße des 17. Juni entlanglaufen und uns erinnern, warum sie diesen Namen trägt – beiläufig. Vielleicht wird der 17. Juni ein Feiertag. Wenn, dann anders als bisher – leichter, ohne Pathos. Wäre es nicht eine schöne Vorstellung, wenn wir am 17. Juni 2004 am See liegen und irgendwann an diesem freien Tag daran denken, dass wir diese kleine Freiheit mutigen Männern und Frauen zu verdanken haben? 50 Jahre danach ist der 17. Juni unsere eigene Geschichte.

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