Meinung : Geschichtsvergessen

Zum Beschneidungsurteil

Ob dieses Urteil juristisch korrekt ist, oder ob das Kölner Landgericht die Frage der angenommenen Kollision von Grundrechten nicht doch lieber dem Bundesverfassungsgericht hätte vorlegen sollen, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich kann es nur als kulturell intolerant und geschichtsvergessen ansehen. Bei der Beschneidung von Neugeborenen handelt es sich um ein zentrales religiöses Gebot des Judentums. Darüber hinaus geht es um die kulturelle Identität aller Juden, religiöser und nichtreligiöser. In Israel, das von heftigen Kulturkämpfen erschüttert wird, werden 98 Prozent aller männlichen jüdischen Neugeborenen beschnitten, die Beschneidung wird also auch von der Mehrheit säkularer Eltern praktiziert, von denen sich viele sonst gegen den stetig wachsenden Einfluss des Religiösen wehren.

Mir ist kein anderes Land der Welt bekannt, indem die Beschneidung neugeborener Jungen verboten ist. Wenn Deutschland nun eine Vorreiterrolle einnimmt, wird ausgerechnet hierzulande jüdisches Leben wieder erschwert.

Dr. Steffen Alisch, Berlin-Schöneberg

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