Gesellschaft : Heiraten lohnt sich

Vom Nutzen der Tradition oder: Warum es Ehepartnern wirtschaftlich weit besser geht als Singles.

Ursula Weidenfeld

Als der Fernsehmoderator Günther Jauch und seine Lebensgefährtin im vergangenen Jahr beschlossen, zu heiraten, war die Fernsehgemeinde aufgescheucht. Die Boulevardpresse zeigte sich alarmiert, und selbst engere Freunde sollen verblüfft reagiert haben. Die Nation rätselte, was das Paar wohl bewege, sich jetzt doch noch trauen zu lassen. Nur die Familienforscher zuckten nicht einmal mit den Schultern. Dass einer, der mit seiner Lebensgefährtin seit 20 Jahren in ordentlichem Wohlstand zusammenlebt und immerhin vier Kinder hat, am Ende doch noch vor den Traualtar tritt, hat für sie eine gewisse Zwangsläufigkeit: "Nichteheliche Partnerschaften münden in aller Regel entweder in die Trennung oder aber in die Ehe", konstatiert Gert Wagner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung nüchtern. Wer lange genug zusammenlebt und zusammenbleiben will, der geht irgendwann doch zum Standesamt.

Wagner muss es wissen: Seine regelmäßige Querschnittserhebung über die Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Deutschen gilt inzwischen als genauestes Spiegelbild der gesellschaftlichen Wirklichkeit im Land. In diesem Spiegelbild wird ausgerechnet die gute alte Ehe für die Forscher immer faszinierender. Die vermeintlich spießigste, altmodischste und vollkommen aus der Zeit gefallene Form des Zusammenlebens wird rehabilitiert.

Denn ohne dass man schon genau wüsste warum, scheint die Ehe eine Menge materieller und immaterieller Vorteile zu bringen: Verheiratete sind zufriedener als Unverheiratete. Männer und Frauen, die einen Ring am Finger tragen, verdienen mehr als Ledige. Ihr Risiko, zu verarmen, ist niedriger, ihr Wohlstand im Alter ist höher. Ihre Kinder entwickeln sich im Durchschnitt besser und machen höhere Bildungsabschlüsse. Für Männer gibt es noch einen Extrabonus: Der Anteil Verheirateter an den besseren und besten Jobs im Land ist deutlich höher als der von Unverheirateten.

Das ist nicht nur in Deutschland so. Die EU-Kommission hat das Phänomen für Europa untersuchen lassen und, siehe da, auch in den anderen Ländern Europas ist es offenbar ausgesprochen vorteilhaft, verheiratet zu sein. Noch deutlicher sind die Vorteile für Verheiratete in den USA. Da addieren sich die Wohlstandseffekte einer Ehe im Laufe eines Lebens auf das Vierfache an Vermögen, das man als Lediger mit gleichen Startchancen ansammeln kann.

Nun kann man natürlich argumentieren, dass das kein Wunder ist: Schließlich ist der Traum von einer Hochzeit ganz in Weiß bei Mittelklassesprösslingen deutlich ausgeprägter als bei denen, die in Armut groß werden. Es sind halt die "besseren Risiken" einer Gesellschaft, die zum Traualtar gehen. Und: Die Forscher erfassen in der Regel den Istzustand. Wird eine Ehe beispielsweise geschieden, geht das in der Regel mit einem deutlichen Wohlstandsverlust beider Partner einher. Die gelten anschließend nicht mehr als verheiratet und vermiesen die Durchschnittsbilanz derer, die schon immer ledig waren.

Diese Effekte gibt es zwar tatsächlich – genauso wie den, dass Alleinerziehende ein besonders hohes Armutsrisiko haben. Gescheiterte Lebensentwürfe, enttäuschte Hoffnungen oder auch nur berufliches oder intellektuelles Unvermögen in irgendeiner Form gehen eben häufig einher mit dem Familienstand ledig. Weil Frauen sich bei der Heirat immer noch gesellschaftlich nach oben orientieren, bleiben am unteren Rand alleinstehende heterosexuelle Männer übrig: Wer zwischen 25 und 40 ist, keinen Schulabschluss und keinen Job hat, der ist vergleichsweise am seltensten verheiratet. Das alles drückt den Durchschnitt bei den Singles und verstellt den Blick auf die Supererfolgreichen unter den Unverheirateten – die sich übrigens nicht bei den Heteros, sondern bei den Homosexuellen versammeln.

Aber es scheint auch etwas in der Ehe an sich zu sein, dass das Leben im Allgemeinen erfolgreicher – und vielleicht auch besser – macht. Denn selbst bei vergleichbaren Ausgangsbedingungen liegen leichte Vorteile bei denen, die sich für die Ehe entschieden haben. Man muss nicht einmal der Meinung sein, dass ein besonderer Segen über dieser Lebensform waltet. Es gibt auch einige rationale Erklärungsansätze. Zunächst einmal tun sich in einer Ehe in der Regel Menschen zusammen, die einen ähnlichen gesellschaftlichen und materiellen Hintergrund haben – oder ihn gemeinsam anstreben. „Geld heiratet eben immer noch Geld. Die Liebesheirat über die Klassen hinweg fasziniert uns immer noch deshalb so sehr, weil sie die Ausnahme ist“, analysiert Wagner. Meist sei es doch so, dass Akademiker untereinander heiraten, Facharbeiter ihre Frauen im mittleren Angestelltenmilieu suchen, Arbeiter und Verkäuferinnen zueinander finden – dass also bei der Partnerwahl peinlich darauf geachtet wird, dass man dasselbe Wertegerüst hat wie der andere. Je größer die Übereinstimmungen, desto stabiler die Ehe. Man weiß, was man erwartet und welche Erwartungen an einen selbst gestellt werden, arrangiert sich und optimiert den Nutzen. Familienforscher haben festgestellt, dass die in der jüngsten Vergangenheit geschlossenen Ehen sogar stabiler sind als die, die in den 80er und 90er Jahren eingegangen wurden. Vermutlich ein Zeichen dafür, dass die wilden 70er Jahre endgültig überwunden sind, in denen Metzgerssöhne Professorentöchter heirateten, vorzugsweise in schottischen Schmieden. Heute macht man seine Beziehungsexperimente vor der Ehe – wenn es dann ernst wird, ist man sich schon ziemlich sicher, dass es auch ernst werden darf.

Ein paar der ökonomischen Vorteile der Eheschließung liegen auf der Hand. Leben zwei oder drei in einem Haushalt zusammen, wird das Leben billiger. Man braucht nur eine Wohnung, eine Waschmaschine, einen Kühlschrank. Man trinkt den Liter Milch leer, anstatt die Hälfte davon verderben zu lassen, kauft gleich die Familienpackung Nutella oder die ganze Kiste Bier, statt die teureren Einzelflaschen zu erwerben. Economies of Scale nennt der Ökonom so etwas, und es heißt nichts anderes, als dass man Größenvorteile nicht nur in der Autoindustrie, sondern auch in der Familie nutzen kann. So spart man Geld, ohne sich einschränken zu müssen.

Dazu kommt, dass die Ehe die Spezialisierung, das, was der Ökonom Adam Smith mit Arbeitsteilung umschrieben hat, in wesentlich größerem oder stabilerem Umfang ermöglicht als die Partnerschaft ohne Trauschein oder das Alleinleben. Dass beispielsweise einer von beiden die familiären Finanzen ordnet und organisiert, während sich der andere an den heimischen Reparaturen versucht, die Gartenarbeit macht oder die sozialen Kontakte in der Nachbarschaft aufrechterhält. Das ist sinnvoll, weil der Spezialist in seinem Gebiet immer besser werden und andere Aufgaben ganz vernachlässigen kann, ohne dass die Familie dadurch Nachteile erleidet. In einer nichtehelichen Partnerschaft wird der Einzelne all diese Fähigkeiten doch vorhalten, er wird sich etwa niemals ganz darauf verlassen, dass der andere mit dem eigenen Geld verantwortlich und uneigennützig umgeht. Ganz zu schweigen vom Single, der entweder den Nachbarn fragen muss oder aber gleich einen Handwerker oder Steuerberater bestellt. Ist man dagegen verheiratet, fällt den Menschen diese Arbeitsteilung leichter – und der Gewinn der ehelichen Gemeinschaft entwickelt sich: Man muss weniger externe Dienstleistungen einkaufen, jeder kann in seinem Bereich lernen und besser werden.

Besonders fällt diese Arbeitsteilung ins Gewicht, wenn Kinder im Haushalt leben. Während viele Alleinerziehende völlig davon absorbiert werden, den Haushalt, die Kinder und im besten Fall auch noch den Job zu koordinieren, können sich verheiratete Paare das vergleichsweise gemütlich und dazu noch vom Staat gefördert teilen. Auch wenn es heute nicht mehr in das bevorzugte Bild der Familienpolitik passt: Wenn einer zu Hause bleibt oder nur in Teilzeit arbeitet, kann sich der andere auf die Karriere konzentrieren, ohne sich Gedanken darüber zu machen, wer die Kinder vom Kindergarten und der Schule abholt, welche Kontrolle bei den Hausaufgaben oder beim Freundeskreis angebracht ist. Das Ehegattensplitting sorgt dafür, dass dieses Modell auch finanziell aufgeht – je mehr einer von beiden verdient, desto attraktiver wird es für den anderen, zu Hause zu bleiben. Im Effekt werden beide vor Überforderung geschützt, der Trauschein ist in dem Fall auch eine Sicherheitsleistung gegen die Ausbeutung eines Partners.

Außerdem bekommen Verheiratete seltener unerwartete und unerwünschte Kinder. Ehelich geborene Kinder haben im Durchschnitt ältere Eltern, was den Schluss nahelegt, dass es sich um geplante und erwünschte Schwangerschaften handelt. Kinder stellen hier im Gegensatz zu der Situation sehr junger unverheirateter Mütter kaum noch ein Armutsrisiko dar.

Auch bei Krankheit oder Arbeitslosigkeit ist das materielle Risiko geringer, wenn der jeweils andere arbeitet. Zwar leiden auch Ehepaare und Familien unter massiven Wohlstandsverlusten, wenn einer von beiden Partnern anhaltend arbeitslos oder schwer krank ist. Aber insgesamt bleibt der Absturz in die Armut in der Regel vermeidbar.

Das alles aber erklärt noch lange nicht, warum verheiratete Männer und Frauen auch in Deutschland mehr verdienen als unverheiratete. Dem Arbeitgeber kann es schließlich egal sein, ob zu Hause die Vorräte brav vertilgt werden oder ob sie vergammeln. Es wird ihn kaum interessieren, ob die Schulaufgaben von den Eltern, vom bezahlten Nachhilfelehrer oder gar nicht überwacht werden, ob der Rasen immer nur von dem gemäht wird, der es besser kann. Trotzdem ist es so, dass verheiratete Männer in Führungspositionen in Deutschland im Jahr 2004 durchschnittlich 4300 Euro brutto im Monat verdienten, ihre SingleKollegen dagegen mit 3500 Euro nach Hause gingen. Verehelichte Führungsfrauen bekamen immerhin 3500 Euro im Monat, während die Single-Damen mit 3100 Euro abgespeist wurden. Teilweise erklärt sich das daraus, dass einige Arbeitgeber wie der öffentliche Dienst Verheirateten Extrazulagen geben. Aber auch bei privaten Arbeitgebern verdienen die Verheirateten besser.

Sicher spielt dabei eine Rolle, dass die Ehe meist mit fundamentalen Veränderungen im Lebenswandel einhergeht. Viele Paare planen und bekommen eines oder mehrere Kinder. Viele erwerben Wohneigentum, werden seriös. Das alles führt dazu, dass jedenfalls Männer mehr und zielstrebiger arbeiten. Wer Verantwortung für seine Familie spürt, entwickelt oft auch eine innigere Beziehung zum Arbeitgeber und versucht eher, in der aktuellen Firma Karriere zu machen, anstatt den Arbeitgeber zu wechseln. Da in Deutschland die meisten Beförderungen immer noch mit internen Besetzungen enden, haben diejenigen Vorteile, die schon lange in der Firma sind. Das trifft eher auf die Verheirateten zu als auf die Nichtverheirateten, erklärt DIW-Forscherin Elke Holst. Allerdings: Während es für Männern in Führungspositionen sehr nützlich ist, ein Familienbild mit Kindern und Labradorhund auf den Schreibtisch stellen zu können, ist es bei Frauen in Deutschland gerade umgekehrt. Besser, sie haben keine Kinder, wenn sie ganz nach oben wollen.

So weit, so gut. Die Ehe ist ein ökonomisches Erfolgsmodell, ohne Frage. Einem Irrtum sollte man bei seinen Überlegungen allerdings nicht aufsitzen: Glücklicher wird man nicht, wenn man verheiratet ist. Zwar steige die persönliche Zufriedenheit unmittelbar nach der Eheschließung deutlich an, hat Gert Wagner in seiner Querschnittsbefragung ermittelt. Aber schon nach kurzer Zeit, bevor man auch nur das erste Mal an Scheidung gedacht hat, ist man zufriedenheitstechnisch wieder da, wo man vor der Verheiratung war. Dass Eheleute trotzdem insgesamt höhere Zufriedenheitswerte haben als Unverheiratete, liegt nur an einem: Es sind halt im Großen und Ganzen die charakterlich sonnigeren Gemüter, die sich überhaupt auf die Ehe einlassen.

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