Meinung : Gesundheit ist Bürgerpflicht

So krank, wie das System tut, sind wir gar nicht

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Von Alexander S. Kekulé

WAS WISSEN SCHAFFT

Trotz strengster Geheimhaltung kann ein Ergebnis der Gesundheitsgespräche zwischen Regierung und Opposition bereits verraten werden: Die großen Koordinaten des maroden Systems bleiben bestehen, herumgedoktert wird nur an den Geldströmen. Weil das Verhältnis von Einnahmen und Ausgaben heftig entgleist ist, soll einerseits gespart werden – Zahnersatz, Freizeitunfälle, überteuerte Medikamente und einiges mehr stehen auf der Abschussliste. Zugleich soll der Geldzufluss des gefräßigen Gesundheitssystems gesichert werden, der durch Konjunkturschwäche und langfristig durch Überalterung der Bevölkerung gefährdet ist. Ob hierfür letztlich das „Kopfgeld“, die „Bürgerversicherung“, eine private Zusatzversicherung oder eine Mischung aus alledem verabschiedet wird, kann dem Bürger ziemlich egal sein – irgendwie werden die immensen Summen aus seiner Tasche kommen, so oder so.

Dabei haben mehrere Studien gezeigt, dass die medizinische Versorgung an der Volksgesundheit nur einen Anteil von weniger als zehn Prozent hat: Viel wichtiger als Ärzte und Apotheker sind gesunde Ernährung, Bewegung, Hygiene und erträgliche Arbeitsbedingungen. Entsprechend trägt nur ein Bruchteil der rund 250 Milliarden Euro, die in Deutschland jährlich für die medizinische Versorgung ausgegeben werden, tatsächlich zur Verbesserung der Gesundheit bei – der Rest mästet lediglich das fettleibige und bewegungsarme Gesundheitssystem.

Dass es so weit gekommen ist, liegt zum einen an einem einzigartigen Strukturfehler: In keiner anderen Branche bestimmt der Lieferant selbst, was und wie viel er liefert. Um das wirtschaftliche Überleben kämpfende Ärzte können beim sparsamen Umgang mit den Kassengeldern nicht allein entscheiden. Zum anderen haben sich die Patienten längst daran gewöhnt, dass zum solidarisch finanzierten Gratisangebot weit mehr gehört als die Hilfe bei schweren Erkrankungen: Gegen Abgespanntheit helfen Kuren und Massagen. Weil Abnehmen und Bewegung unbequem ist, werden Blutfett, Blutzucker und Blutdruck mit teuren Medikamenten gesenkt. Wer sich das Zähneputzen gespart hat, bekommt strahlende Ersatzzähne.

Ärzte und Patienten profitieren davon, dass zwischen „Gesundheit“ und „Wellness“ keine klare Abgrenzung möglich ist. Eine wirkliche Gesundheitsreform muss mit dem Eingeständnis beginnen, dass „Gesundheit“ nicht solidarisch finanzierbar ist. Die meisten chronischen Erkrankungen – die vier Fünftel der Gesundheitskosten verursachen – können durch entsprechende Lebensführung deutlich gebessert werden. Dass die Verantwortung für die eigene Gesundheit nicht an den Arzt delegiert werden kann, sollte durch intensive Aufklärung vermittelt werden – am besten schon in der Schule.

Konsequente Prävention und ein verantwortungsvolles Verhältnis der Menschen zu ihrer Gesundheit würde mehr Geld sparen als jede Korrektur der Geldverteilung. Damit könnte hochwertige Medizin für all diejenigen finanziert werden, die sie lebensnotwendig brauchen. Solidarität für Gesundheit und Wellness ist nicht bezahlbar – die Solidarität bei schwerer Krankheit und Not können wir uns jedoch allemal leisten.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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