Gesundheitspolitik : Wie viel ist ein Monat Leben wert?

Deutschland hat noch immer ein leistungsstarkes Gesundheitswesen. Der medizinische Bedarf ist unendlich, doch die Mittel endlich. Längst gibt es eine schleichende Rationierung, auch wenn sie nicht so heißt.

Hartmut Wewetzer

Jörg-Dietrich Hoppe gebührt Lob. Wegen der strikten Ausgabenbegrenzung sei im Gesundheitswesen „nicht mehr alles für alle bezahlbar“, sagte der Ärztekammerpräsi dent vor Beginn des Ärztetages in Ulm. Hoppe schiebt damit die Schuld an der Rationierung – also dem Kürzen medizinischer Leistungen – der Politik zu. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit.

Deutschland hat noch immer ein leistungsstarkes Gesundheitswesen. Es bietet den Patienten eine umfassende Versorgung „auf hohem Niveau“, wie das „Ulmer Papier“, eine Grundsatzerklärung zum Ärztetag, zu Recht klarstellt. Zugleich werden die Deutschen immer älter, ihr Bedarf nach Gesundheitsleistungen wächst, und auch der medizinisch-technische Fortschritt fordert seinen Tribut. Dem stehen nur begrenzte Ressourcen gegenüber, heißt es, wiederum zutreffend, im Ulmer Papier.

Längst gibt es deshalb eine schleichende Rationierung, auch wenn sie nicht so heißt. Bestimmte Medikamente oder Therapien werden nicht mehr von der Krankenkasse bezahlt, oft muss der Patient etwas zuzahlen. Der medizinische Bedarf ist unendlich, die Mittel endlich. Das ist nicht die Schuld der Politik. Doch sollte zumindest offen über das Problem geredet werden. Es ist Zeit für ein paar unangenehme Wahrheiten.

Entscheidend ist, dass die Krankenversicherung auch künftig existenzielle Gesundheitsrisiken absichert. Und damit zum Beispiel die Behandlung von Unfällen, Herz- Kreislauf-Krankheiten oder Krebs gewährleistet. Wer schwer erkrankt ist, muss ohne Ansehen des Geldbeutels die bestmögliche Therapie bekommen.

Es wird trotz aller Anstrengungen schwierig sein, diesen Grundsatz in Zukunft noch einzuhalten. Ein Beispiel für das Dilemma sind neue Krebsmedikamente, die das Leben des Patienten tatsächlich verlängern können – wenn auch im Mittel „nur“ für ein paar Monate.

Das Problem: die Arzneimittel kosten Tausende von Euro. Wie viel ist ein Monat Leben wert? Die Frage klingt zynisch. Aber wer begrenzte Mittel im Gesundheitswesen zu verteilen hat, wird nicht umhinkommen, sie zu stellen. Und gegebenenfalls woanders kürzen.

Natürlich gibt es auch Gebiete der Medizin, deren Finanzierung durch die Solidargemeinschaft nicht zwingend ist. Der Ärztekammerpräsident Hoppe nennt als Beispiel den Wellnessbereich, also das in der Welt ziemlich einzigartige deutsche Kur- und Badewesen. Dessen medizinischer Nutzen dürfte zumindest zum Teil eher zweifelhaft sein. Aber wer wird schon an einer Institution rütteln, deren Fortbestand schließlich die wirtschaftliche Existenz ganzer Landstriche sichert?

Einen großen Teil unserer Gesundheit haben wir selbst in der Hand. Unser Lebensstil entscheidet mit darüber, ob wir krank werden. Der Körper ist kein Auto, das wir verschleißen können und nach rücksichtslosem Gebrauch einfach in der Reparaturwerkstatt Krankenhaus abgeben können. Gesundheit ist unsere eigene Sache – wenn diese Erkenntnis am Ende steht, wird auch die Debatte um die Rationierung noch etwas nützen.

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