Meinung : Gewalt beim G-8-Gipfel: Dantes Inferno

Wolfgang Prosinger

Nichts als Verlierer. Nun, da sich die Rauchschwaden verflüchtigt haben, wird der Blick auf Genua klarer, auf jene drei Tage des G-8-Gipfels, da die Gewalt durch die Straßen tobte. Ein klarerer Blick, das heißt in diesem Fall ein immer entsetzterer Blick. Jede neue Zeugenaussage schürt ein fassungsloses Staunen: unglaublich, was da geschah.

Nichts als Verlierer: Die Botschaft der Demonstranten ist untergegangen in der Gewaltorgie einer randalierenden Minderheit. Die Polizei muss sich den Vorwurf übelster Brutalität gefallen lassen. Und Silvio Berlusconi, der italienische Ministerpräsident, steht als Versager da. Bella Italia hat er der Welt präsentieren wollen. Dantes Inferno hat er ihr gezeigt.

Natürlich geht es jetzt ans Verteilen der Schuld. Wer ist haftbar zu machen für dieses Desaster? Keine Frage, an der ersten Stelle stehen die Demonstranten des so genannten schwarzen Blocks, in gar nicht geringer Zahl übrigens Deutsche. Sie haben die Gewalt von Genua losgetreten, und sie hätten das auch getan, wenn es zuvor kein Todesopfer, wenn es keine Polizeiübergriffe gegeben hätte.

Das allerdings entschuldigt das Verhalten der Polizei in keiner Weise. Wenn nur ein Bruchteil jener schockierenden Berichte wahr ist, die zurzeit täglich neu an die Öffentlichkeit gelangen, dann haben die italienischen Sicherheitskräfte mit einer Heftigkeit zugeschlagen, für die das Wort von der "Unverhältnismäßigkeit der Mittel" geradezu niedlich wäre. Es hat vielmehr ganz und gar den Anschein, dass sich die Gewalt verselbständigt hat.

Groteskerweise sind dabei die Todesschüsse auf den 23-jährigen Carlo Giuliani noch am ehesten erklärlich: Einem jungen, unerfahrenen Polizisten gehen die Nerven durch, weil er im Chaos und Getöse des Straßenkampfs nicht ganz zu Unrecht sein eigenes Leben bedroht sieht. Er schießt, weil er nicht mehr weiter weiß. Schrecklich, aber immerhin begreiflich.

Was aber ist mit dem Gerücht, die Polizei habe die Gewalttäter über Gebühr gewähren lassen und stattdessen immer wieder friedfertige Demonstranten angegriffen? Ein Vorwurf, der nach allem, was bisher bekannt wurde und immer weiter bekannt wird, nicht ganz von der Hand zu weisen ist.

Die entscheidende Frage wäre nun: Stand dahinter eine Strategie der italienischen Polizei? Eine Absicht, ein Plan? Oder bloß Unfähigkeit? Zu hören ist nämlich: Die erfahrenen Polizisten waren während des G-8-Gipfels in der so genannten "Zone A" postiert, dort also, wo sich die Regierungschefs aufhielten. Die unerfahrenen und nicht ortskundigen hingegen mussten Dienst in "B" tun, in der Zone des Protests. Dies erklärte einiges. Und würfe zugleich allerdings ein ziemlich merkwürdiges Licht auf die polizeiliche Klugheit.

Völlig unbegreiflich, völlig unentschuldbar scheint indessen jene nächtliche Razzia in den beiden Schulen, in denen das "Genoa Social Forum" seinen Stützpunkt hatte. Was da geschehen ist und anschließend offenbar auch in manchen Gefängnissen geschah, spottet jeder Beschreibung. Und es ruft böse Erinnerungen an eine Zeit der polizeilichen Übergriffe in Italien wach, die man eigentlich längst überwunden glaubte. Wer hat diese blutige Razzia angeordnet? Wer hat die Erlaubnis dafür gegeben, auf wehrlose, zum Teil offenbar schlafende Menschen einzuschlagen? Was wurde danach den Gefangenen in der Kaserne von Bolsaneto angetan? Wieso wurden die Inhaftierten tagelang in den Gefängnissen festgehalten, ohne jede Möglichkeit, Angehörige oder Anwälte zu sprechen? Warum wurde auf sie ein Gesetz angewendet, das eigentlich dem Terrorismus der siebziger Jahre galt?

Viele Fragen. Ziemlich dringliche Fragen. Die Regierung des Silvio Berlusconi, der nun seine erste große Bewährungsprobe bestehen muss, wäre gut beraten, möglichst schnell, möglichst schonungslos Antworten zu geben. Aber danach sieht es im Moment keineswegs aus. Weshalb die Fragen durchaus etwas lauter gestellt werden dürfen. Am besten von der Europäischen Union.

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