Gewalt : Frieden schaffen ohne Waffen

Der Fall Winnenden zeigt: Die Sicherheit kann und muss nur einer garantieren – der Staat. Doch die deutsche Politik ist schon mehrmals vor der Waffenlobby zurückgewichen.

Fabian Leber

In niemand anderen setzt der deutsche Staat so großes Vertrauen wie in Menschen, die legal eine Waffe tragen. In Deutschland sind das fast ausschließlich Sportschützen. Ihnen hat er eine Aufgabe übertragen, die den Kern seiner Daseinsberechtigung ausmacht: für Sicherheit zu sorgen. Wenn es um ihre Sportgeräte geht, sollen die Freizeitschützen nämlich selbst für Sicherheit garantieren – für die Gewissheit, dass ihre Waffen, die Mordinstrumente sein können, nicht missbraucht werden.

Das aber ist naiv. Tatsächlich wäre von Staats wegen größtes Misstrauen angebracht. 230 000 der 1,4 Millionen Mitglieder des Deutschen Schützenbunds sind minderjährig. Nicht nur Tim K., der Attentäter von Winnenden, war Mitglied im Schützenverein und besorgte sich die Waffe aus dem elterlichen Schlafzimmer. Auch Robert Steinhäuser, der Amokläufer von Erfurt, lernte den Umgang mit der Waffe im Verein. Die Schüsse von Bad Reichenhall 1999 und Coburg 2003 stammten ebenfalls aus dem Lauf einer angemeldeten Sportwaffe.

Trotz dieser Zusammenhänge entziehen sich die Waffenbesitzer der Debatte über die möglichen Folgen ihres Hobbys. Gerade der Fall Winnenden habe gezeigt, dass schärfere Gesetze nichts bringen würden, argumentieren sie. Der Vater von Tim K., gegen den jetzt ermittelt wird, habe die vom Gesetz auferlegten Sorgfaltspflichten missachtet. Das Problem liege also nicht beim Gesetz, sondern in dessen mangelnder Befolgung.

Doch diese Argumentation ist fahrlässig, genauso wie das Mantra vom strengen deutschen Waffenrecht ein Mythos ist. Gerade weil die Sicherung von Sportwaffen bis jetzt Privatsache ist, muss über strengere Gesetze nachgedacht werden. Welchen vernünftigen Grund gibt es denn, dass Menschen ihre Sportwaffen zu Hause im Keller lagern und sie dann auch noch jedes Mal zum Schießstand durch die Gegend fahren? Wenn schon ein Komplettverbot nicht möglich ist, muss zumindest über eine zentrale Lagerung und Sicherung nachgedacht werden.

Doch die deutsche Politik ist schon mehrmals vor der Waffenlobby zurückgewichen. Wie stark der Einfluss einer kleinen Minderheit ist, die der Mehrheit ihre Regeln aufzwingt, zeigte sich zuletzt 2007. Damals hatte Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble vorgeschlagen, das Mindestalter für den Besitz großkalibriger Waffen wieder auf 18 Jahre zu senken. Nur die Entrüstung der Öffentlichkeit bewegte ihn zum Rückzug.

Selbst nach dem Amoklauf von Erfurt hat sich die Zahl der legal erworbenen Waffen noch einmal drastisch erhöht. Mehr als zehn Millionen legale Waffen lagern in Deutschland. Hinzu kommen rund 30 Millionen illegale Waffen. Diese Zahlen zeigen, dass es eine absolute Sicherheit vor Waffenmissbrauch nie geben wird. Aber jede Waffe weniger, ob legal oder illegal, ist gut für die Sicherheit. Und viel wäre auch gewonnen, wenn der Staat der Verharmlosung von Waffen als Sportgeräten entgegentreten würde, indem er sein Gewaltmonopol deutlicher als bisher ins Bewusstsein ruft.

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