Gewalt in Berlin : Der Freiheitsgedanke wird überstrapaziert

Fast jede Nacht brennen Autos, fast täglich meldet die Polizei Prügeleien und Überfälle im öffentlichen Nahverkehr. Doch wie soll man mit der Gewalt in Berlin wirklich umgehen?

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Zuletzt hat es vermehrte Fälle von Autozündeleien in Berlin gegeben.
Zuletzt hat es vermehrte Fälle von Autozündeleien in Berlin gegeben.Foto: dpa

Neulich im Bus nach Spandau: Mit den Fahrgästen sind zwei Sicherheitsleute unterwegs. Einer von beiden, ein eher entspannt uniformierter Ur-Berliner mit Schnauz und Schnauze, hat sich am hinteren Eingang postiert. Er kümmert sich darum, dass alle gut rein- und rauskommen, auch mit Rollstuhl oder Kinderwagen. Dass er nicht nur freundlich kann, verdeutlichen der eine oder andere kernig-launige Spruch sowie seine breiten Schultern. Ein nicht druckbares Schimpfwort etwa entfährt ihm, als der Bus geschnitten und zu einer Vollbremsung gezwungen wird.

Freundlich, hilfsbereit, respektiert – der Mann verkörpert ein Berliner Sicherheitskonzept, wie es sein sollte: Leben und leben lassen, aber dort, wo der eine seinen Freiheitsbegriff derart überinterpretiert, dass er den anderen belästigt, schädigt oder gar verletzt, dort ist ganz klar Schluss.

Derzeit wird Berlins Freiheitsgedanke mal wieder deutlich überstrapaziert. Gewalt gegen Menschen und deren Eigentum – man verharmlost nicht automatisch das eine, wenn man es mit dem anderen in einem Satz als gravierendes Problem benennt – ist in Berlin Alltag. Autos brennen fast jede Nacht. Fast täglich meldet die Polizei Prügeleien und Überfälle im öffentlichen Nahverkehr.

Wegen der hohen Zahl der schlechten Nachrichten wird die Sicherheit auf Berlins Straßen und in Berlins öffentlichen Verkehrsmitteln nun zum Thema im Wahlkampf, womöglich sogar zum wichtigsten Punkt. Zeit wurde es in einer Stadt, in der man oft den Eindruck hatte, dass sich die Politik vom Regierenden abwärts schon immer zu Höherem berufen fühlte als dazu, die vermeintlich kleinen Probleme der Stadtmenschen lösen zu helfen.

Doch jetzt ist der Kampf gegen die Gewalt Chefsache. Klaus Wowereit persönlich hat sich unlängst positioniert und verstärkte Streifen auf Bahnhöfen immerhin angekündigt. Gegen Autobrandstifter äußern sich nicht mehr nur Konservative, deren Kerngeschäft die innere Sicherheit ist, klar und deutlich. Auch die Grünen beziehen nun Stellung, die Regierungspartei Linke allerdings eher versprengt, wenn überhaupt.

Dabei reicht die Toleranz gegenüber Autozündlern bis in salonlinke Kreise. „Solange in Hoyerswerda keine Asylantenheime brennen, habe ich keine Probleme mit brennenden Mercedessen“, formulierte der Schauspieler Robert Stadlober im Talkshow-Format. Nicht wenige pflichten ihm in Internet-Foren bei. Weil der rechtsextreme Mob noch schlimmer ist, nehmen sie die linksextremen Brandstifter hin, begrüßen sie womöglich sogar als berlintypische Großstadtfolklore. Eine Ermächtigungslogik, gegen die immer wieder deutlich Stellung zu beziehen ist – bis hoch hinauf in die Führung aller politischen Parteien und mit dem Regierenden Bürgermeister vorneweg.

Wer will denn garantieren, dass den Tätern die aktuelle Eskalationsstufe der bloßen Sachbeschädigung reicht? Eine Feuerattacke auf eine Polizeiwache oder auf einen mit Gasflaschen beladenen Kleinbus weisen bereits in eine andere Richtung.

Die Stadt braucht weder Law and Order noch totale Toleranz. Die Stadt braucht ein berlintypisches Sicherheitskonzept: Liberalismus ohne Laisser-faire und Strenge ohne Repression. Dazu braucht die Stadt wohl noch nicht einmal mehr Polizei. Die uniformierten Beamten müssen aber sicht- und hörbarer werden. Sie müssen raus aus ihren Autos und runter von ihren Motorrädern und zurück auf die Straße. Zu Fuß. Sich wieder zeigen, Respekt einflößen, ansprechbar sein, ansprechen. Polizisten auf Streife sollten wieder zum Stadtbild gehören. In Bussen, Bahnen und Bahnhöfen können teils auch vernünftig ausgebildete Sicherheitsleute diesen zuallererst kommunikativen Job übernehmen.

Freundliche, aber respektgebietende Uniformierte haben nichts mit Polizeistaatsvisionen zu tun, die wir aufgrund unserer Geschichte immer so schnell und eifrig heraufbeschwören. Sondern mit zivilem Zusammenleben – im Bus nach Spandau und anderswo.

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