Gewalt in Italien : Aus der Tiefe des Raums

Hooligans und Linksextreme verwandeln Italien in ein Bürgerkriegsgebiet - schlimmer als in Frankreichs Banlieus. Wer nun - wie Silvio Berlusconi - denkt, die Gewalt sei nur ein Problem des Fußballs, liegt falsch.

Ein Kommentar von Axel Vornbäumen
Italien
Demonstranten vor dem Fernsehsender RAI. -Foto: AFP

BerlinWas für eine Nacht Italien hinter sich gebracht hat, vom Sonntag auf den Montag, das wird man wahrscheinlich erst in Wochen, wenn nicht gar Monaten ermessen können. Eine Nacht war das, mit bürgerkriegsähnlichen Szenen, wie man sie so nicht einmal aus den französischen Banlieus kennt. Eine Nacht, in der die Gewalt explodierte, in der sich mitten in Rom hunderte Hooligans und Mitglieder des linksextremen „Schwarzen Blocks“ Straßenschlachten mit der Polizei lieferten, Autos in Flammen setzten und eine Polizeikaserne angriffen. Ein Mob wütete da – vereinigt in seinem Hass auf den Staat. Der war diesmal das Ziel und nicht, wie sonst üblich, zwischen den Fronten rivalisierender Gangs. Die Randale von Rom hat damit eine neue Qualität. Ein Anfang?

Wie schnell das ging, mit welcher Heftigkeit – und: mit welcher Flächenwirkung! Besteht Anlass zur Sorge um die Verfasstheit des Staates Italien? Die ermittelnde Staatsanwaltschaft in Rom wertet die Krawalle bereits als „terroristische Aktivitäten“, sie vermutet hinter den Ausschreitungen organisierte Angriffe mit politischem Hintergrund. Terroristische Aktivitäten – ein zu großes Wort?

Eine gefährliche Mixtur aus Hooligans und gewaltbereiten Globalisierungsgegnern war da jedenfalls am Werk, dankbar, wenn Dankbarkeit denn der richtige Begriff ist dafür, dass ein von einem Verkehrspolizisten erschossener Fußballfan auf einem Autobahnparkplatz bei Arezzo in Windeseile mit Märtyrerstatus versehen werden konnte. Als ob es sich bei dem Schuss aus der Dienstpistole um einen Startschuss zur Randale gehandelt habe. Fast ein italienisches Déjà-vu also – Erinnerungen werden wach an den Tod eines Demonstranten beim G-8-Gipfel in Genua, Sommer 2001. In Genua übrigens hat dieser Tage die Staatsanwaltschaft ungewöhnlich harte Strafen in den Prozessen gegen die damaligen Globalisierungsgegner gefordert. Mag sein, dass dies bei manchem Randalierer den Hass auf den Staat noch gesteigert hat.

Es ist also mehr als lediglich ein „schrecklicher Tag für den italienischen Fußball“ gewesen, wie Silvio Berlusconi, Präsident des AC Milan und früherer Regierungschef, postwendend und mit falschem Zungenschlag behauptete. Rhetorisch bewertete Berlusconi damit den unglückseligen Schuss aus der Pistole eines offenkundig heillos überforderten Verkehrspolizisten in etwa wie einen vergeigten Elfmeter in einem WM-Halbfinale. Das klingt schwer nach eingeübtem Fatalismus, es klingt wie: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.

Das aber ist die falsche Bemessungsgrundlage. Es war kein schrecklicher Tag für Italiens Fußball, es war ein schrecklicher Tag für Italien.

Dabei wähnte sich das Land, das wie kaum ein zweites in Europa unter einer gewaltbereiten Fanszene leidet, eigentlich gerade auf gutem Weg. Nachdem im Februar in Catania ein Polizist nach einem Fußballspiel erschossen worden war, hatten drastisch verschärfte Sicherheitsvorkehrungen erstmals seit langem wieder für relative Ruhe in den Stadien gesorgt. Den Randalierern wurde damit die Kulisse entzogen, wenigstens das. Mehr aber eben auch nicht. Statt vor großem Publikum mussten sich die Hooligans zu Prügeleien beispielsweise auf Autobahnparkplätzen verabreden, ein sattsam bekannter Verdrängungseffekt tat seine Wirkung. Dass einige von ihnen auf einem solchen Parkplatz von dem zum Todesschützen gewordenen Polizisten aufgestöbert wurden, hat geradezu tragische Züge. Er habe zwei Familien zerstört, sagte der Polizist am Tag danach – die des Opfers und seine eigene.

Mit Fußball hat das alles nichts zu tun. In der Tat. Indes: Die Plattitüde wird auch in Deutschland nur zu gern genommen, wenn außer rascher Distanzierung niemandem etwas Rechtes zur Eindämmung der Gewalt einfallen will. In Italien soll nun den Tifosi wieder verschärft verboten werden, ihre Vereine bei Auswärtsfahrten zu begleiten. Das wirkt hilflos. Es wird überdies neuen Hass provozieren und klingt nach – ja, Ausgangssperre.

Ein Staat muss schon in hoher Not sein, wenn er zu diesem Mittel greifen muss.

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