Meinung : Gibt es im Internetzeitalter noch Privates?

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Zur Debatte über Wikileaks

Wikileaks macht es auch dem Letzten deutlich: Das Internet hat die Welt verändert, und das in einem Tempo, das anscheinend unsere Gesellschaften überfordert. Heute ist es möglich, Informationen blitzschnell weltweit und ungebremst über das Internet zu verbreiten, ohne dass selbst ein Gigant wie die USA es verhindern könnte.

Das wirft Fragen auf, zum Beispiel, ob Daten überhaupt noch sicher sein können. Ob die Verbreitung legal oder illegal geschieht, ist dabei nebensächlich, weil Daten, wenn sie erst einmal im Internet kursieren, für jedermann zugänglich sind. Und reinstellen kann sie jeder, und zwar auf der ganzen Welt. Dem Missbrauch ist also Tür und Tor geöffnet. Wer über die sogenannten sozialen Netzwerke leichtfertig etwas von sich preisgibt, der ist dafür selbst verantwortlich. Ich denke aber, dass auch viele Unternehmen sowie (staatliche) Institutionen eher leichtfertig mit den Daten der Menschen umgehen, die sie gespeichert haben. Ich bin mir zum Beispiel alles andere als sicher, ob zum Beispiel die Krankenkassen jeden Zugriff eines Mitarbeiters auf eine Versichertenakte und den Grund für den Zugriff protokollieren. Bei den Akten wird es wohl ähnlich aussehen. Wenn man bedenkt, wie viele Datensätze heute auf einen USB-Stick passen, der nur wenig größer ist, als ein Fingernagel, kann man sich vorstellen, was passiert, wenn auch nur ein Mitarbeiter auf die Idee kommt solche Daten zu entwenden

Ein weiteres Problem, dass ich sehe, ist die Tatsache, dass ich nicht automatisch erfahre, welches Unternehmen, welche Institution welche Daten zu meiner Person gespeichert hat und an wen sie diese Daten wann weitergibt. Ein Beispiel sind die Kontodaten, die meines Wissens jeder Sachbearbeiter im Jobcenter zu Leistungsempfängern abfragen kann, ohne dass diese es erfahren. Und ist eigentlich gewährleistet, dass meine Bank nicht meine Daten an ein Jobcenter herausgibt, obwohl ich gar nicht arbeitslos bin. Solange ich nicht erfahre, dass eine Anfrage bzw. ein Zugriff auf meine Daten stattgefunden hat, kann ich naturgemäß nichts gegen einen Missbrauch unternehmen.

Man stelle sich vor, solche privaten Daten würden plötzlich im Internet zu finden sein.

Fazit: Im Internetzeitalter ist über kurz oder lang alles öffentlich, ob man will oder nicht!

Bernd Ludwig, Berlin-Tempelhof

Sehr geehrter Herr Ludwig,

Wikileaks zeigt, was mit dem Internet möglich ist: die weltweite Verbreitung riesiger Informations- und Datenbestände gegen den Willen der größten Weltmacht. Wikileaks zeigt aber nicht, dass damit Privatsphäre und Datenschutz am Ende wären – im Gegenteil. Zentrale Aspekte des Datenschutzes sind Datensicherheit und Datensparsamkeit. Beides wurde vom US State Departement sträflich vernachlässigt. Die Veröffentlichungen sind die Strafe dafür: Wer über 200 000 Personen Zugang zu Daten einräumt, muss sich nicht wundern, dass zumindest eine diese missbraucht. Wer zudem keine weiteren Sicherungen vorsieht, wie z. B. Protokollierungen der Datennutzungen und Protokollauswertungen, der muss sich nicht wundern, dass dieser Missbrauch nicht sofort festgestellt, gestoppt und geahndet wird. Und wer meint, alles und jedes langfristig in Datenbanken speichern zu müssen und nicht zu löschen, der muss sich nicht wundern, dass diese Daten auch genutzt werden.

In Diplomatendepeschen finden sich selten sensible personenbezogene Daten. Vielmehr sind dies Daten über und von Politikern, Staatsleuten, Diplomaten, also Funktionsträgern, die im öffentlichen Auftrag tätig sind. Diese können Datenschutz für sich nur begrenzt in Anspruch nehmen, für sie gilt – in den USA wie in Europa – Informationsfreiheit, die auf öffentliche Kontrolle und demokratische Transparenz abzielt. Dies ändert natürlich nichts daran, dass der Verrat von Staatsgeheimnissen in allen Nationalstaaten illegal ist und unter Strafe steht.

Das US State Departement hätte sich digital und analog besser vor Datenmissbrauch schützen können. Wir als Normalverbraucher können das auch. Hinterlassen wir keine digitalen Spuren, so können diese auch nicht von Dritten missbraucht werden. Deshalb bezahle ich am liebsten anonym mit Bargeld, statt elektronisch. In meinem Schlaf- und meinem Wohnzimmer steht kein Computer mit aktivierten Webkameras und Mikrofonen. Und wenn ich elektronisch unterwegs bin, z.B. per E-Mail oder beim Surfen, nutze ich Sicherungen, u.a. Virenschutz, Firewall und Verschlüsselung oder z.B. bei Bankgeschäften ein sicheres Online-Banking-Verfahren. Dass die Bank meine Daten vertraulich behandelt, ist einerseits tatsächlich Vertrauenssache, aber auch Aufgabe des Datenschutzes, der in Deutschland erheblich besser funktioniert als z.B. in den USA. Zum Datenschutz gehören moderne Gesetze, funktionsfähige Aufsichtsbehörden und die Entwicklung, das Angebot und die Nutzung von technischen Sicherheitswerkzeugen. Letztlich können Normalbürger die begründete Hoffnung haben, dass das mediale Interesse an ihren Daten geringer ist als denen der US-Regierung. Ein Restrisiko bleibt zweifellos, etwa wenn ein vermeintlicher Freund anzüglich Fotos von mir in einem sogenannten sozialen Netzwerk hochlädt oder wenn ein Hacker es doch schafft, meinen Computer zu kapern.

Zweifellos verändert das Internet unser Leben. Wenn wir selbst und der Staat aber das Nötige tun, bleiben unsere legitimen Geheimnisse und unser Datenschutz gewahrt.

Mit freundlichen Grüßen

—Dr. Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter des Landes Schleswig-Holstein

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