Meinung : Glaube, Klima, Hoffnung

Egal, wer US-Präsident wird: Wichtige Konturen des Programms sind schon klar.

Christoph von Marschall

Dies ist die größte Überraschung des Wahljahres in den USA: Noch immer zeichnet sich keine Entscheidung ab, wer in der Hauptwahl für die Demokraten und die Republikaner antritt. Die Unklarheit wird über die Vorwahlen an diesem Sonnabend in South Carolina (Demokraten), am nächsten Dienstag in Florida (Republikaner) und den Super Tuesday am 5. Februar andauern. So eng ist das Rennen. Früher hatte sich nach zwei, drei Vorwahlen ein Favorit herausgeschält, der dank der Dynamik früher Siege auch die folgenden Vorwahlen gewann und die Partei hinter sich vereinte.

Wer es wird, bleibt noch einige Zeit offen. Dennoch lassen sich die Grundzüge der Politik des nächsten Präsidenten schon heute skizzieren. Die Qual der Wahl ist nicht deshalb so groß, weil die Kandidaten gegensätzliche Programme anbieten, die für ähnlich große, konkurrierende Gruppen attraktiv erscheinen. Zur Wahl stehen vielmehr unterschiedliche Persönlichkeiten und Stile: bei den Demokraten der jugendliche Barack Obama, der einen Generationswechsel verkörpert, gegen Hillary Clinton mit all ihrer Erfahrung und der potenziellen Premiere, als erste Frau das Weiße Haus zu erobern.

Bei den Republikanern wetteifert Mike Huckabee, der Vertreter eines bodenständigen, in der Religion stark verhafteten Wertekonservatismus, gegen John McCain, einen moderaten Mitte-rechts- Kandidaten und Vietnamkriegshelden, der freilich schon über 70 ist. Doch ob einer von diesen beiden oder der allzu glatt gestylte Mitt Romney oder der knorzige Rudy Giuliani, der in Florida überhaupt erst ins Rennen kommen will: Wichtige Programmpunkte haben sie alle gemeinsam. Zusammen bilden sie das typisch amerikanische Urprogramm 2008.

Glaube: Religion bleibt wichtig, doch anders als in den Bush-Jahren. Nicht die religiöse Rechte ist entscheidend, die George W. Bush zum Sieg verhalf und heute enttäuscht ist, wie wenig er eingelöst hat. 2008 umwerben auch die Demokraten die Gläubigen. Barack Obama hat schon lange betont, dass auch Wähler der Demokraten in die Kirche gehen und religiöse Ansprache wünschen. Selbst Hillary Clinton predigt im Wahlkampf von Kanzeln. Das Bekenntnis zum Glauben gilt als Test der Moral und des Charakters.

Klima: Alle wollen mehr tun gegen die Treibhausgase als unter Bush, auch die Republikaner. Für Huckabee gibt der Respekt vor Gottes Schöpfung den Ausschlag, für McCain die Vernunft. Doch weder sie noch die Demokraten unterstützen Europas Ziel verbindlicher Obergrenzen mit Sanktionen. Ein Kyoto-Nachfolgeprotokoll werden sie mittragen, wenn die Zusagen freiwillig bleiben und technischer Fortschritt das Mittel zur Reduzierung der Emissionen ist. Eine Ökosteuer auf Energie zur Drosselung des Verbrauchs wird es nicht geben. Das wäre unamerikanisch.

Hoffnung und Eintracht: Alle suchen den Kontrast zur Gegenwart, versprechen eine Wende, wecken Hoffnung auf eine Überwindung der Gräben. Schluss mit der Polarisierung zwischen rechts und links, zwischen oben und unten. Über offenen Streit wie jüngst zwischen Obama und Clinton rümpft man die Nase. Beide fielen in den Umfragen zurück. Der nächste Präsident möchte eine Wiederannäherung an Europa, keinen Isolationismus, mehr Kooperation mit der übrigen Welt. Mehr Harmonie wird freilich ihren Preis haben: mehr Unterstützung in Afghanistan und mehr Kooperation im Umgang mit der islamischen Welt.

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