Glauben : Seele als Eisblock

Mutter Teresa fühlte sich von Gott verlassen – das macht ihre Leistung noch größer.

Moritz Schuller

Es muss ein Feiertag für Christopher Hitchens gewesen sein, als herauskam, dass Mutter Teresa ihr Leben lang um ihren Glauben gekämpft hat. Hitchens, linker Kreuzfahrer, Atheist und Großpolemiker, hatte sich in den vergangenen Jahren immer wieder dieselben drei Menschen vorgeknöpft: Bill Clinton, aus offensichtlichen Gründen, Henry Kissinger, aus offensichtlichen Gründen, und Mutter Teresa. Ihr, der Friedensnobelpreisträgerin, die heute vor zehn Jahren starb, widmete er einst eine Fernsehdokumentation mit dem wenig wohlgesinnten Titel „Hell’s Angel“.

Wird Mutter Teresa, die „größte Sozialarbeiterin der Welt“, deren Arbeit für die Armen längst ein katholisches Verfahren zur Heiligsprechung in Gang gesetzt hat, nun stattdessen zur Heiligen aller Skeptiker und Ungläubigen? Als Kronzeugin dafür, dass selbst die leidenschaftlichste Suche nach Gott vergeblich sein kann?

Dass nur der Zweifel den Fortschritt vorantreibt, dass erkenntnistheoretisch der Glaube ohne die Möglichkeit des Zweifels gar nicht denkbar ist, ist nichts Neues. Nur wer zweifelt, kann den Finger in die Wunde legen. Der Geniale ist ein Bruder des Wahnsinnigen, und dass jemand, der knietief in den Slums von Kalkutta steht, zweifelt, möglicherweise sogar von Depressionen heimgesucht wird, ist durchaus nachvollziehbar. Und gerade die Kirchengeschichte samt ihrer Heiligen lebt von diesem Moment des Zweifels, von den existenziellen Wendepunkten. So klagte einst die heiliggesprochene Karmeliter-Nonne Thérèse von Lisieux, nach der die Ordensfrau aus Albanien ihren Namen trägt, über die Dunkelheit, in die sie gestürzt sei.

Doch die Briefe von Mutter Teresa, die nun in den USA veröffentlicht wurden, sind eigentümlich, weil sie den Zweifel an Gott und dem Glauben nicht als ein prägendes Erlebnis beschreiben, sondern als jahrzehntelange Begleiterscheinung und andauernde Verunsicherung: „In meiner Seele spüre ich nur diesen furchtbaren Schmerz des Verlusts, dass Gott mich nicht will, dass Gott nicht Gott ist, dass Gott nicht existiert.“ In einem anderen Brief beschreibt sie ihre Seele als „Eisblock“.

Kann jemand, der zweifelt, heilig sein? Die katholische Kirche hat sich dazu noch nicht geäußert. Der Priester, der die Briefe herausgegeben hat, meint jedenfalls, so ihren Status als Heilige noch besser rechtfertigen zu können.

Dass Glaube nicht immer Erfüllung und innere Kraft bringt, dass er ein Willensakt bleiben kann, wie ihn die sich selbst aufopfernde Teresa über Jahre hinweg beschreibt, wird die Religion für die Hitchens’ dieser Welt kaum attraktiver machen. Das dachte Mutter Teresa vielleicht, als sie darum bat, „alle Briefe und irgendetwas, das ich geschrieben habe“ zu zerstören. Dass sie ihre Arbeit für die Armen dennoch fortgesetzt hat, trotz aller Zweifel, ist jedoch ohne diese eindrucksvolle Anziehungskraft des Glaubens auch nicht vorstellbar.

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